Estland als Partner der Grünen Woche in Berlin

Wildbeeren aus estnischen Wäldern sind ein gefragtes Exportprodukt © Jaak Nilson/ visitestonia.com
Wildbeeren sind ein gefragtes Exportprodukt © Jaak Nilson/ visitestonia.com

Seit zwanzig Jahren zeigen sich die Esten regelmäßig auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin, im Januar 2014 genießen sie einen besonderen Status: Als Partnerland präsentiert sich der Baltenstaat im Januar mit seinem bislang größten Auftritt auf der Weltleitmesse der Ernährungsbranche. Vom 17. bis 26. Januar 2014 möchte Estland in Halle 8.2 auf dem Messegelände unter dem Funkturm nicht nur für seine landestypischen Spezialitäten und den Tourismus in einer intakten Natur werben, sondern auch die Nahrungsmittelexporte befördern. Wir haben uns im Herbst persönlich ein Bild von der estischen Agrarwirtschaft und dem Tourismuspotenzial des Landes gemacht.

„Das kleine Estland“ heißt es oft, wenn vom nördlichsten Land des Baltikums die Rede ist. In der Tat ist es flächenmäßig kaum größer als die Niederlande, hat aber nicht einmal so viele Einwohner wie München. Auch in Ost-West-Contact rückt es recht selten in den Mittelpunkt, vergleicht man es etwa mit dem Osteuropa-Riesen Russland. Doch auf dem Berliner Messegelände unterm Funkturm kommt Estland im Januar groß raus. Laut Lars Jaeger, dem Projektleiter für die Internationale Grüne Woche (IGW) bei der Messe Berlin, ist es dabei so gut vorbereitet wie kaum ein Partnerland zuvor. Frühzeitig sei man in die Organisation eingestiegen, um bestmöglich auf die etwa 400.000 Besucher der IGW vorbereitet zu sein. „Wir wollen nicht nur die Qualität der estnischen Agrarprodukte hervorheben, sondern das Land auch als Tourismusziel vermarkten“, betont der estnische Landwirtschaftsminister Helir-Valdor Seeder.

Der mittelalterliche Charme Tallinns hat es vor allem den Finnen angetan © OWC
Der mittelalterliche Charme Tallinns hat es vor allem den Finnen angetan © OWC

In den vergangenen fünf Jahren sind die Touristenzahlen stetig angestiegen – mit einer Ausnahme im Krisenjahr 2009. 2012 kamen über 1,8 Millionen ausländische Besucher in das Land am Finnischen Meerbusen. Beinahe die Hälfte aller Touristen reist von der gegenüberliegenden Ostseeküste an. „Wir haben sehr enge Verbindungen zu den Finnen. Nahezu jeder Este versteht Finnisch und umgekehrt. Es fällt schon fast schwer, Finnland als Ausland zu betrachten“, sagt Tarmo Mutso vom Estonian Tourist Board. „Es ist quasi ein Binnenmarkt für uns.“ Mutso sieht sie jeden Morgen kommen. Von seinem modernen Bürohochhaus im Osten Tallinns aus hat er einen grandiosen Blick über die Stadt und das Meer. Er beobachtet die Fähren, die aus Helsinki einlaufen und täglich Hunderte Menschen in die Straßen der ältesten Hauptstadt Europas spülen.

Tourismus soll nachhaltiger werden
Ein Bummel durch die Altstadt ist wie eine Reise ins Mittelalter. Mit ihren bunten Häusern und schmalen Türmen ist Tallinn eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Europas und zählt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das wissen die Finnen zu schätzen – und sie haben einen kurzen Weg: In nur dreißig Minuten sind sie von Helsinki nach Tallinn geflogen. Mit der Fähre sind es gemütliche zwei Stunden. Die Nachbarn sind gern gesehene Gäste, doch ganz nachhaltig ist diese Form des Tourismus nicht: Meist kommen die finnischen Besucher nur für einen Tag vorbei, kommen nur in die Hauptstadt und nicht selten vor allem wegen der günstigen Alkoholpreise.
Deshalb setzt Estland auf zwei Dinge: mehr Gäste aus Deutschland und Werbung für den Erlebnisurlaub auf dem Land. „Wir haben pro Jahr gut 100.000 deutsche Urlauber. Künftig wollen wir mindestens 200.000 Deutsche jährlich bei uns begrüßen“, sagt Minister Seeder. Zwar zählt der Tourismus nicht in sein Ressort, aber seinem Ministerium obliegen die Organisation des Messeauftritts und vor allem die Entwicklung des ländlichen Raums. Die ländlichen Gegenden und die estnische Natur will man den Berliner Messebesuchern schmackhaft machen.

Die Esten werben für Urlaub auf dem Land. Im Bild: der Landgasthof Luhtre © OWC
Die Esten werben für Urlaub auf dem Land. Im Bild: der Landgasthof Luhtre © OWC

Estland ist ein sehr grünes Land mit viel unberührter Natur. Gut die Hälfte des 45.227 Quadratkilometer großen Landes besteht aus Wäldern, in denen Pflanzen und Wildtiere einen intakten Lebensraum finden. Dazwischen liegen auf weiteren 25 Prozent der Landesfläche ausgedehnte Moor- und Sumpfgebiete. Seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 wurde viel in die touristische Infrastruktur investiert. Erst im Sommer eröffnete die staatliche Forstverwaltung beispielsweise einen neuen Fernwanderweg, der auf 627 Kilometern einmal quer durch ganz Estland führt, durch Nationalparks und Naturschutzgebiete, von Aegviidu im Norden des Landes bis nach Ähijärve an der Grenze zu Lettland. Eine Unterkunft finden Aktivurlauber auf einem der über 1.000 Ferienbauernhöfe oder auch in den zahlreichen rekonstruierten Herrenhäusern aus der Zeit der Baltendeutschen. Im frühen 20. Jahrhundert gab es in Estland noch 1.250 solcher Gutshöfe, aber bis 2005 ging deren Zahl bis auf 414 zurück. Heutzutage stehen etwa 200 Herrenhäuser als Architekturdenkmäler unter staatlichem Schutz und 100 sind aktiv im Gebrauch. Die stattlichen Landhäuser zeugen davon, dass sich mit Landwirtschaft im Baltikum einst ein Vermögen verdienen ließ.

Wo steht die estnische Landwirtschaft?
Heute ist die Agrarproduktion nicht mehr ganz so gewinnbringend. Das zeigt sich unter anderem daran, dass estnische Branchenverbände von fehlendem Nachwuchs berichten. Mittlerweile hat die Regierung diverse Unterstützungsmaßnahmen für Jungbauern eingeführt und es finden sich wieder mehr Nachfolger auf den estnischen Bauerhöfen. Insgesamt arbeiten immer weniger Menschen in der Landwirtschaft, was jedoch auch dem höheren Mechanisierungsgrad zuzuschreiben ist.
„Insbesondere seit dem Beitritt zur EU entwickelt sich die Agrarbranche sehr schnell“, sagt Landwirtschaftsminister Helir-Valdor Seeder. „Wir sind Teil des gemeinsamen Agrarmarktes und der gemeinsamen Agrarpolitik und das bedeutet für uns vor allem einen technischen und qualitativen Fortschritt.“ Insgesamt gibt es rund 18.000 landwirtschaftliche Betriebe in Estland und rein zahlenmäßig dominieren die etwa 17.000 kleineren Höfe. Sie stehen aber nur für 20 Prozent der Agrarproduktion. Nur gut 1.000 Großbetriebe – hervorgegangen zumeist aus den ehemaligen Kolchosen und Sowchosen – bewirtschaften mehr als tausend Hektar Land oder haben mehrere Tausend Kühe und stehen dabei für 80 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion in Estland.

Landwirt Sulev Mölder investiert in die Milchproduktion © OWC
Landwirt Sulev Mölder investiert in die Milchproduktion © OWC

Die estnischen Landwirte setzen vor allem auf Milch – sie macht mit fast einem Drittel den größten Teil der Agrarproduktion aus. Auf Platz zwei und drei der Top-Agrarprodukte stehen Getreide (15 Prozent) und Schweinefleisch (13 Prozent). Der Selbstversorgungsgrad für Schweinefleisch liegt bei 130 Prozent, für Getreide sind es 100 Prozent und für Milch sogar 170 Prozent. Für das stark exportabhängige Estland rentiert sich die Milchproduktion daher besonders. Viele Milchprodukte gehen nach Russland und Finnland. Grundsätzlich eignet sich Milch jedoch auch für den weltweiten Export: In Form von Milch- oder Molkepulver geht estnische Milch bis nach China. Milch hat Exportpotenzial und so wird viel in die Milchproduktion investiert. Bisher werden jährlich ungefähr 690.000 Tonnen Milch produziert, schon ab 2015 visiert das estnische Landwirtschaftsministerium eine Million Tonnen an.

Landwirt Sulev Mölder aus der Gemeinde Märjamaa im Kreis Rapla steht beispielhaft für das Wachstum der estnischen Milchwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit hat er auf 400 Hektar mit 20 Kühen angefangen. 22 Jahre danach versorgt Mölder auf dem rund 65 Kilometer südwestlich von Tallinn gelegenen Viehbetrieb in fünf Ställen mehr als 1.000 Rinder auf 2.400 Hektar Land. Seine derzeit 480 Milchkühe stehen in einem neugebauten Komplex, in den er jüngst 3,3 Millionen Euro investiert hat, allein 200.000 Euro gingen in modernste Technik. Nur acht Mitarbeiter sind im Stall zugange. Sie arbeiten in Schichten, um die fast 500 Tiere zu betreuen, die über Melkroboter und Futterautomaten versorgt werden.

Drei Highlights

Die Milch von Herrn Mölders Kühen wird für einen besonderen Käse genutzt, den sogenannten Herz-Käse. Er enthält Bakterien, die den Blutdruck senken. Vorgestellt wird das innovative Produkt als eines der estnischen Highlights auf der Grünen Woche.
Außerdem präsentieren sich die Esten in Berlin mit einem weiteren Exportschlager, den Beeren. Estland ist Beerenland, es gibt die verschiedensten Arten von Wild- und Zuchtbeeren, die viel genutzt und exportiert werden. Das Landwirtschaftsministerium zitiert eine Statistik der Welternährungsorganisation, wonach Estland bei Stachelbeeren im weltweiten Vergleich Rang elf belegt. Mit einer Jahresproduktion von 76.000 Tonnen rangieren die Esten noch vor Russland. Wilde Beeren – wie zum Beispiel Heidelbeeren – werden bis nach China und Japan exportiert.

Ein drittes Highlight in Berlin wird der Baltische Hering sein. Der auch Strömling genannte Nationalfisch der Esten ist nicht größer als 30 Zentimeter und wird gebraten, mariniert oder geräuchert serviert. Selbstredend ist der Fischfang für Estland mit seinen über 1.400 Seen und der knapp 4.000 Kilometer langen Küstenlinie von großer Bedeutung. Die estnische Jahresproduktion liegt bei zirka 100.000 Tonnen, konsumiert werden nur gut 15.000 Tonnen. „Fisch eignet sich bestens für den Export“, sagt Landwirtschaftsminister Seeder. „Wir produzieren fast siebenmal mehr Fisch, als wir konsumieren“, sagte er.
Estlands Beteiligung an der Internationalen Grünen Woche 2014 soll die Nahrungsmittelexporte des Landes weiter steigern. Ob dabei künftig Fisch, Beeren oder Milchprodukte eine entscheidende Rolle spielen werden, hängt auch von den Konsumenten und Handelspartnern ab, die Mitte Januar in Halle 8.2 des Berliner Messegeländes vorbeischauen. gh