Hessen liegt bei chinesischen Investitionen an führender Stelle

Frankfurt hat eine große Anziehungskraft auf Chinesen © OWC/pt
Frankfurt hat eine große Anziehungskraft auf Chinesen © OWC/pt

Rund 450 chinesische Unternehmen und Institutionen haben derzeit ihren Sitz in der Region Frankfurt-Rhein-Main, und es werden immer mehr. Auch die bisher größte chinesische Direktinvestition in Deutschland floss nach Wiesbaden. Zahlreiche Nonstop-Flüge in alle Regionen Chinas, per Kurzstrecke nach London, Paris oder Moskau, eine halbe Stunde vom Frankfurter Flughafen zum Büro – das sind Argumente, die chinesische Unternehmer vom Standort Rhein-Main überzeugen. Insbesondere dann, wenn es darum geht, nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa Geschäfte auf- beziehungsweise auszubauen.

Die Wege sind kurz, die Verbindungen gut, Märkte, Kunden, Lieferanten und Fachkräfte immer in unmittelbarer Nähe. Genauso wie der chinesische Supermarkt, Arzt, Rechtsanwalt oder Kindergarten – und die große chinesische Community: Neben allen Vorteilen einer internationalen Messe-, Handels- und Finanzmetropole bietet die Region auch ein Stück Heimat. Zudem stehen bei allen Fragen rund um Ansiedlung und Investitionen erfahrene, meist chinesischsprachige Berater der diversen Wirtschaftsförderungen, die unter dem Dach der FrankfurtRheinMain GmbH International Marketing of the Region (FRM) vernetzt sind, mit Rat und Tat zur Seite.

54 Neuansiedlungen allein 2012
Kein Wunder, dass sich im Jahr 2012 insgesamt 54 chinesische Unternehmen für den Standort Frankfurt­Rhein-Main entschieden haben. „Wir beobachten eine weitere Zunahme der chinesischen Firmengründungen bei steigender Qualität. Das Interesse an Beteiligungen und Unternehmenskäufen von chinesischer Seite wächst ebenfalls”, fasst Sonja M. Müller vom China Competence Center der IHK Frankfurt am Main und Darmstadt, zusammen. „Laut FDI-Erhebung 2012 der Hessen Trade & Invest (HTAI) haben sich hier 22 Unternehmen aus China angesiedelt. China ist damit nach den USA das zweitwichtigste Herkunftsland ausländischer Direkt­investitionen in Hessen”, ergänzt Oliver Beil, Projektmanager Investorenbetreuung bei der HTAI.

Eines dieser 22 Projekte ist die Ansiedlung von Julong Europe, die von der HTAI in Zusammenarbeit mit Germany Trade & Invest (GTAI) und der Wirtschaftsförderung Frankfurt am Main begleitet wurde. Mittlerweile fungiert die Julong Europe GmbH mit einem Stammkapital von einer Million Euro als Vertriebsstandort für Deutschland und Europa und strebt an, mittelfristig 40 bis 70 Arbeitsplätze zu schaffen. „Für das Unternehmen der Finanzbranche, das Geldsortiermaschinen herstellt und vertreibt, ist der Finanzplatz Frankfurt am Main eine logische Standortwahl”, so Beil weiter.

Brückenkopf nach Europa
Die neuen Unternehmen aus China sind vorwiegend in den Bereichen Marketing, Vertrieb oder Kundenservice tätig. Von hier aus erschließen sie Europa. „Viele dieser Firmen fangen klein an, egal wie bedeutend das Mutterunternehmen in China ist, arbeiten effizient und sehr erfolgreich”, lautet die Einschätzung von Polly Yu, Projektleiterin Asien bei der Wirtschaftsförderung Frankfurt am Main. So hat zum Beispiel die China Telecom, die 2008 ihre Repräsentanz in Frankfurt am Main gründete, mittlerweile ein Vertriebsnetz für Europa und eine Kooperation mit dem Internetknotenpunkt DE-CIX aufgebaut.

Ein weiteres Beispiel ist die Travel­Sky Technology Europe GmbH, eine hundertprozentige Tochter der TravelSky Technology Ltd. (China), einem führenden IT-Services-Provider für Fluggesellschaften und für die Tourismusbrache. TravelSky (Europe), 2009 beim Amtsgericht Frankfurt am Main registriert, bietet nun von hier aus ihre Dienste auch Fluggesellschaften, Agenten, Reisebüros, Flughäfen und Hotels in Europa und Afrika an.

Interessant ist auch die 2009 gegründete Firma Muesen Technik GmbH, eine Tochter der Firma SENSE Instruments Co., Ltd. aus Shanghai: „Unsere Module für Messtechnik und Automatisierung werden hier in Zusammenarbeit mit Kunden entwickelt, in der neuen Frankfurter Produktionsstätte gefertigt und getestet, um dann in China kostengünstig hergestellt zu werden. So verbinden wir die Vorteile beider Standorte”, erklärt Geschäftsführer Henrik Mu.

Das Engagement der Wei­chai Power bei der hessischen Kion Group war bislang die größte chinesische Beteiligung in Deutschland © Kion
Das Engagement der Wei­chai Power bei der hessischen Kion Group war bislang die größte chinesische Beteiligung in Deutschland © Kion

Einen ähnlichen „Brückenkopf”-Ansatz verfolgt auch David Leung mit seiner ARSC Asia Retail Space Consulting and Manufacturing GmbH, die seit Oktober 2012 in Darmstadt registriert ist. Mit seiner Full-Service-Marketing-Agentur „übersetzt” er Markenwelten, berät Händler in Deutschland und Europa beim Markteintritt in China – von Branding, Ladendesign und Marketing über die Suche passender Flächen bis hin zum fertigen Messestand oder Flagship-Store, der in der Pekinger Produktionsstätte gefertigt wird. Auch in Deutschland hat Leung schon Partner gefunden, um diesen Service chinesischen Firmen anbieten zu können.
„Wie zahlreiche Neuansiedlungen aus China zeigen, hat unsere Region ihre Funktion als Brückenkopf nach Europa deutlich ausgebaut. Insgesamt steigt der Beitrag, den chinesische Unternehmen und Investoren für die Entwicklung der lokalen Wirtschaft leisten”, betont Sibylle Yaakov, Direktorin Standortmarketing der Frankfurt­RheinMain GmbH.

Strategische Partner
Die bedeutendste Investition aus China floss 2012 nach Hessen: Die Kion Group AG als weltgrößter auf Flurförderzeuge und verbundene Dienstleistungen spezialisierter Anbieter sieht die strategische Partnerschaft mit dem chinesischen Automobil- und Nutzfahrzeughersteller Weichai Power als klare Win-Win-Situation. Die Kooperation erleichtert dem Wiesbadener Unternehmen den Zugang zum wichtigen Wachstumsmarkt China. Der Markt für Flurförderzeuge ist dort heute neunmal so groß wie vor zehn Jahren und bietet noch weiteres Potenzial: Während 2012 in Westeuropa pro eine Million Einwohner rund 500 Stapler verkauft wurden, waren es in China lediglich 160. Überdies stärkt die Zusammenarbeit auch die Markenpräsenz der Kion Group im Land. Im Gegenzug profitiert Weichai Power vom ausgedehnten Netzwerk und Know-how der Kion Group in Europa und kann sein Produktportfolio erweitern und verbessern.

Obwohl von den Medien eher wenig beachtet, ist die Investition von Wei­chai Power in die Kion Group AG die bislang größte chinesische Direktinvestition in Deutschland. Weichai erwarb für 738 Millionen Euro zunächst einen Anteil von 25 Prozent der Kion Group. Dieser ist im Zuge des Börsengangs auf 30 Prozent aufgestockt worden, mit der Option auf eine weitere Erhöhung auf 33 Prozent.

„Unsere Partnerschaft mit Weichai Power ist strategisch und langfristig ausgelegt”, erklärt Gordon Riske, Vorstandsvorsitzender der Kion Group AG. „Sie ist ein Musterbeispiel dafür, wie deutsche und chinesische Unternehmen zusammenarbeiten.” Die global operierende Kion Group hat wiederholt betont, am Standort Wiesbaden auch künftig festhalten zu wollen. In der Zentrale in der hessischen Landeshauptstadt arbeitet eine ganze Reihe chinesischer Kollegen. Und um sich auf die Partnerschaft mit Weichai noch besser einzustellen, werden Kurse zum besseren Verständnis der chinesischen Kultur angeboten. Katrin Schlotter

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 11/2013.