Gesucht, gefunden – Personal für Russland

Karrierebörse des Deutsch-Russischen Forums in Düsseldorf © DRF
Karrierebörse des Deutsch-Russischen Forums in Düsseldorf © DRF

Egal ob Blaumännr oder Geschäftsführer, wer schon einmal einen qualifizierten und loyalen Angestellten für die Arbeit in Russland gesucht hat, weiß die Personalsuche im Osten kosten viel Geld, Zeit und Nerven. Stellenausschreibungen und Headhunter sind nur der Anfang. Unternehmen, die es sich leisten können, schicken neue Mitarbeiter zu mehrmonatigen Trainings ins Ausland oder bauen sogar eigene Schulungscenter in Russland auf. Neue Einrichtungen wie die Karrierebörse des Deutsch-Russischen Forums oder das bilaterale Praktikantenprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes zeigen alternative Wege auf.

So schnell geht es nicht oft: Ende Mai hat e.style LMC an der Karrierebörse des Deutsch-Russischen Forums (DRF) in St. Petersburg teilgenommen, Ende Juni stellen sich die Eventmanager, die weltweit Veranstaltungen für Großkonzerne organisieren, in Hamburg wieder Studenten und Absolventen vor – mit dabei das frisch eingestellte Nachwuchstalent, das man in St. Petersburg verpflichtet hat. Für ein wachsendes Unternehmen wie e.style LMC mit Büros in Frankfurt, London und Moskau ist die Personalsuche immer ein heißes Thema. Von Kandidaten erwartet die Marketing- und Eventagentur Flexibilität und Motivation, Weltoffenheit und Sprachfertigkeit – alles Soft-skills, die sich bei den kaum über 20-jährigen Besuchern eines jungen Formats wie der DRF-Karrierebörse ohne Mühe finden lassen.

Der Veranstalter will Unternehmen und Bewerber zusammenbringen, die im deutsch-russischen Kontext arbeiten. Die Teilnahme für die Firmen ist vergleichsweise günstig, denn das DRF ist ein gemeinnütziger Verein. Für die jungen Messebesucher ist der Eintritt frei. „Es kommen viele russische Muttersprachler“, sagt Sebastian Nitzsche, Stellvertretender DRF-Geschäftsführer. „Wir werben für die Messe mit Plakaten an der Uni, über unser Alumni-Netzwerk für russische Stipendiaten ‚Hallo Deutschland’ und unser Young-Leader-Programm.“ Zweimal machte die Börse schon Station in Russland, dreimal in Deutschland – immer in anderen Städten, immer mit unterschiedlichem Erfolg. In Hamburg ist die Halle der Industrie- und Handelskammer durchschnittlich gut besucht. 15 Unternehmen haben ihre Stände aufgebaut. „Klein, aber fein“ nennt Nitzsche das. In Moskau habe es über 500 Besucher gegeben. Heute werden es wohl nicht mehr als 200 werden.

Ingenieure besonders gesucht
„Es sind noch zwei Wochen bis Semesterende – das heißt Prüfungszeit“, erklärt Maria Lenenko, die hergekommen ist auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. Sie ist 23 und studiert Soziologie in Hamburg. Die meisten Firmen hier würden Ingenieure suchen, sagt sie. Lenenkos wichtigster Termin ist die Präsentation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Commerzsaal der IHK, wo sich die teilnehmenden Unternehmen und Institutionen nacheinander ausführlicher vorstellen.

Irina Sorokoumova berichtet hier vom neuen deutsch-russischen Praktikantenprogramm des DAAD. Bisher war es für junge Deutsche immer etwas schwierig, Arbeitserfahrung in Russland zu sammeln, da die russische Wirtschaft und das russische (Visa-)Recht einen Praktikantenstatus nicht wirklich vorsehen. Das neue Programm löst das Problem elegant. Nicht nur, dass die Praktikanten mit monatlich rund 900 Euro aus den Töpfen beider Wirtschaftsministerien finanziell unterstützt werden. Dem mehrmonatigen Russlandaufenthalt geht ein einwöchiges Seminar an der Higher School of Economics (HSE) in Moskau voran. Der folgende Einsatz im Unternehmen gilt als Weiterbildungsprogramm der HSE, für das die Praktikanten ein Studienvisum erhalten.

Sorokoumova koordiniert das Programm in Moskau und ist mit der im Frühjahr abgeschlossenen Pilotphase mehr als zufrieden. „Wir hatten 30 Stipendiaten in 19 Firmen, allein bei Volkswagen haben vier von sechs Praktikanten Übernahmeangebote erhalten“, berichtet sie. Siemens, Volkswagen, Bosch – bisher beteiligen sich viele russische Landesgesellschaften deutscher Konzerne. Aber auch mittelständische Unternehmen und russische Kompanjas wie Interblok und KZSK waren vertreten. Die Stipendiaten für die nächste – erste richtige – Runde, die im Oktober startet, sind bereits ausgewählt. Jetzt können sich interessierte Unternehmen und Studenten für das kommende Jahr melden. Für Bewerber aus Hamburg, die nach St. Petersburg gehen wollen, gibt es wegen der Städtepartnerschaft zwischen den beiden Handelsstädten besondere Angebote.

Karrieregespräche in der Hamburger Indurstrie- und Handelskammer © DRF
Karrieregespräche in der Hamburger Indurstrie- und Handelskammer © DRF

Bilaterale Fördermaßnahmen wie das DAAD-Praktikantenprogramm, an dem auch die teilnehmenden Unternehmen mit einem Beitrag von 1.500 Euro pro Stipendiat beteiligt sind, zeigen: Die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern in und für Russland ist immer noch der Flaschenhals für erfolgreiche Geschäfte. Unternehmen, die eine Produktion in Russland aufbauen wollen, müssen am besten zeitgleich mit dem Start der Werksplanung auch die Rekrutierung von Personal beginnen, empfiehlt Bastian Wonschik, der für die Schott AG im Gebiet Nishnij Nowgorod eine Glasverpackungsfabrik aus dem Nichts errichtet hat. Verhältnismäßig zügige 15 Monate hat er dafür gebraucht. Nachdem die Entscheidung für ein Inhouse-Training der Beschäftigten gefallen war, wurden die neuen russischen Mitarbeiter für sechs bis zwölf Monate in das Schott-Vorzeigewerk in Ungarn geschickt. Darüber, dass die Ausbildung in Russland zeitgemäßen Ansprüchen nicht genügt, klagen deutsche Unternehmen unisono mit anderen ausländischen Herstellern. Ein duales System, das junge Menschen gleichzeitig in Schule/Universität und Betrieb qualifiziert, gibt es nicht.

Unterstützung für Universitäten
Positionen in Produktion, Buchhaltung, Rechtsabteilung und im Logistikbereich lassen sich dabei noch relativ gut besetzen. Dünner wird die Luft, wenn es um Ingenieurwissen, Produktmanagement oder Verkaufstalent geht. Uni-Absolventen haben gutes Basiswissen in Mathematik oder Physik, aber Defizite in moderneren Zweigen wie Mechatronik oder Hydraulik. Viele ausländische Unternehmen wie Landmaschinenhersteller Claas oder Sensorenbauer Sick stellen den nächstgelegenen Universitäten Ausrüstungen für die praktische Arbeit zur Verfügung – in der Hoffnung, die so angelernten Studenten später für Betrieb und Entwicklung einstellen zu können.

Nach mehreren russischen Vertriebs- und Servicestellen will Sick im kommenden Jahr im Moskauer Gebiet eine erste Produktion eröffnen. Messsensoren für die Öl- und Gasbranche sollen gefertigt werden. Personalverantwortliche Gabriele Karg aus der Konzernzentrale in Waldkirch findet die Rekrutierung in Russland verhältnismäßig teuer. Sie und ihre Moskauer Kollegen suchen Ingenieure für Hightechprodukte und müssen dafür oft auf Headhunter zurückgreifen. Kostspielig sei aber vor allem die hohe Fluktuation in Russland. „Wenn wir unsere Mitarbeiter für mehrmonatige Schulungen nach Deutschland schicken und sie uns dann schon nach zwei Jahren wieder verlassen, rechnet sich das nur bedingt”, so Karg. Sick setzt daher auf Loyalität und Teambonding.

Knauf hat ein eigenes Schulungszentrum in Krasnodar aufgebaut © OWC
Knauf hat ein eigenes Schulungszentrum in Krasnodar aufgebaut © OWC

„Vergessen Sie die Klimaanlagen nicht”, rät Andreas Setzepfandt. Der stellvertretende Generaldirektor und Personalverantwortliche des russischen Burda-Ablegers weiß, dass Mitarbeiter in Russland umsorgt werden wollen. In Moskau denkt Burda an die adäquate Temperierung der Büroräume ebenso wie an den Shuttleservice, der Beschäftigte von der Metro ins Verlagshaus bringt. Die Gehälter werden turnusmäßig an die Inflation angepasst und die Mitarbeiter können einen Teil ihrer Arbeitszeit auch im Home Office bestreiten.
„Wir bemühen uns, die Arbeitsbedingungen kontinuierlich zu verbessern“, sagte Setzepfandt auf einer Podiumsdiskussion im Juni in Berlin. Das spricht sich rum. Bisher konnte Burda 60 Prozent seines Personals aus eigenen Ressourcen, also den Netzwerken der Mitarbeiter, gewinnen. „Das wird jetzt zunehmend schwieriger. Besonders im Bereich Digitales müssen wir verstärkt Headhunter bemühen.”

Fertige Mitarbeiter nicht zu finden
In seiner Funktion als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AHK Russland führt Setzepfandt auch das AHK-Personalkomitee und weiß, wie den deutschen Unternehmen das Thema Qualifizierung im Magen liegt. „Einige Unternehmen bauen so wie Knauf eigene Ausbildungszentren in Russland auf.“ Der deutsche Baumaterialanbieter hat in Krasnodar Schulungsräume eingerichtet, in denen Angestellte und Kunden den richtigen Umgang mit Gipsplatten lernen. „Das kostet viel Zeit und Geld und ist für kleine und mittelständische Unternehmen schwer umsetzbar”, so Setzepfandt. Für russische Firmen gebe es zudem die Chance, am Präsidentenprogramm der Regierung teilzunehmen, damit Nachwuchstalente Arbeitserfahrung im Ausland sammeln können.

„Den fertigen Mitarbeiter gibt’s nicht, aber eine vernüftige Basis ist schon viel wert”, sagt der Geschäftsführer der Spedition Bruhn, Marco Lütz, in Hamburg, zufrieden mit Qualität und Anzahl der Gespräche, die er auf der Messe geführt hat. In Moskau hat Bruhn gerade lange nach einem neuen Generaldirektor gesucht. Lütz geht daher gern auch neue Wege, wenn es um die Personalrekrutierung geht. So wie die Karrierebörse, an der die Spedition das erste Mal teilnimmt. Wenn sie im Oktober in Düsseldorf gastiert, hat Lütz vielleicht auch schon einen neuen Bewerber aus Hamburg eingestellt. awa

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 09/2013.