Hannover Messe: Partnerland Russland profitiert

Der russische Zentralstand in Halle 26 der Messe © OWC
Der russische Zentralstand in Halle 26 der Messe © OWC

HANNOVER/BERLIN. Auf der heute zu Ende gehenden Hannover Messe haben russische Unternehmen Verträge in Milliarden-Höhe geschlossen. Russland war in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2005 Partnerland der größten Industrieschau der Welt. Dementsprechend groß war das Aufgebot: 167 russische Aussteller haben sich in der niedersächsischen Landeshauptstadt präsentiert. Aus dem Ausland waren nur noch China mit 734 Ständen, Italien mit 513 und die Türkei mit 227 Ausstellern stärker vertreten. Während die Eröffnung durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsidenten Wladimir Putin noch von politischen Unstimmigkeiten überschattet wurde, stand an den fünf Messetagen die Wirtschaftszusammenarbeit im Vordergrund.

Anlässlich des Deutsch-Russischen Wirtschaftsgipfels mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler und Industrieminister Denis Manturow wurden mehrere Verträge unterschrieben. So haben die russische Eisenbahn RZD, Siemens und die Sinara Group eine Absichtserklärung über die Bestellung von 350 elektrischen Güterstreckenlokomotiven unterzeichnet. Siemens und Sinara fertigen im Ural bereits gemeinsam Elektrolokomotiven. In Hannover wurde nun auch vereinbart, dass der Zug Desiro-Rus, der in Russland unter dem Namen Lastotschka verkehrt und ab 2014 auch im Ural gebaut werden soll, Ende 2017 einen Local-Content-Anteil von 80 Prozent haben soll. Allein für den Aufbau dieser Produktion investiert Siemens rund 500 Millionen Euro.

Die Nordic-Werften in Wismar und Warnemünde besiegelten ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Krylow Forschungsinstitut aus St. Petersburg. Das Augenmerk des Instituts liegt auf der Entwicklung von Eisbrechern und spezialisierter Schiffsausrüstung. Beide Unternehmen wollen ein „Arktisches Zentrums“ als Expertenplattform schaffen. Mit Witali Jussufow haben die Werften einen russischen Eigentümer, der auf Aufträge aus Moskau setzt. Industrieminister Manturow besuchte die Schiffbauanlagen an der ostdeutschen Küste am Dienstag.

UVZ und Bombardier bauen Straßenbahnen für Moskau © OWC
UVZ und Bombardier bauen Straßenbahnen für Moskau © OWC

UVZ gemeinsam mit Bombardier
Auch der in Nischni Tagil ansässige russische Eisenbahnhersteller Uralwagonsawod (UVZ) und der kanadische Bahntechnikanbieter Bombardier Transportation wollen künftig enger zusammenarbeiten. Sie unterzeichneten auf der Messe mehrere Abkommen, die eine langfristige Partnerschaft beim Verkauf und der Entwicklung moderner U- und Straßenbahnen in Russland und anderen GUS-Staaten begründen sollen. Eine Unternehmenssprecherin betonte zwar, die Partnerschaft sei noch im Werden begriffen, dennoch hatten sich Bombardier und UVZ in Hannover bereits für eine gemeinsame Präsenz entschieden. Geplant ist, dass die Kanadier im Rahmen einer Lizenzfertigung das Know-how und die Technologie für den Bau von Bombardier Flexity-Straßenbahnen und U-Bahn-Zügen liefern und UVZ die Fahrzeuge in Russland produziert. Eine erste Ausschreibung haben die Partner bereits im Dezember 2012 gewonnen: Für die Moskauer Verkehrsbehörde sollen 120 Bombardier Flexity-Niederflurstraßenbahnen von UVZ gefertigt werden.

Die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) und der russische Wärmenetzbetreiber Komplexe Energiesysteme (KES) haben auf der Messe einen Vertrag zur energetischen Modernisierung der Wärmeversorgung in Jekaterinburg unterzeichnet. Basierend auf deutschem Know-how sollen Hocheffizienztechnologien angepasst an die Gegebenheiten vor Ort zum Einsatz kommen, um die Millionenstadt am Ural künftig effizient mit Wärme zu versorgen. Die entsprechenden Modernisierungsarbeiten sollen in Kürze beginnen.

Mit rund 1,4 Millionen Einwohnern ist Jekaterinburg die viertgrößte Stadt Russlands und Zentrum der Energie- und Industrieregion Swerdlowsk. Das Gebiet im Ural warb wie etwa ein Dutzend weitere russische Regionen auf der Messe um Investoren. In Swerdlowsk entsteht derzeit mit dem Titan Valley eine Sonderwirtschaftszone, die sich besonders auf Metallurgie und Maschinenbau spezialisiert, und dafür auch ausländische Unternehmen gewinnen will.

Festo modernisiert die Wasserversorgung von St. Petersburg © OWC
Festo modernisiert die Wasserversorgung von St. Petersburg © OWC

Deutsche Automatisierung bei Vodokanal
Moskau und St. Petersburg präsentierten sich in Hannover auf der Sonderschau Metropolitan Solution, die herausstellen wollte, wie die großen Ballungsräume der Welt mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen. Hier hatte auch das baden-württembergische Automatisierungsunternehmen Festo einen seiner Messe-Stände. Festo arbeitet derzeit unter anderem für Vodokanal, den Wasserversorger der Stadt St. Petersburg. Vodokanal will mit pneumatischer Festo-Technik den Energieverbrauch bei der Wasseraufbereitung um ein Drittel senken. 34 Pumpstationen werden dafür modernisiert. Immer gefragter seien in Russland auch individuelle, kundenspezifische Lösungen, so ein Unternehmenssprecher. In Hannover präsentierte Festo beispielsweise einen Kugelhahn-Antrieb, der eigens für Gazprom entwickelt wurde und entlang der russischen Erdgaspipelines im Einsatz ist. Das Antriebssystem wurde dabei speziell für den Betrieb bei Umgebungstemperaturen von bis zu minus 60 Grad entwickelt.

Auch der Motoren- und Lüftungssystemhersteller EBM-Papst hat Russlands Partnerland-Status auf der Hannover Messe dazu genutzt, um auf sein Engagement im russischen Markt aufmerksam zu machen. Die Baden-Württemberger liefern unter anderem Ventilatoren nach Russland. Abnehmer sind Unternehmen wie Gascholodtechnika, die die EBM-Pabst-Teile in Ölkühler für das Pipelinesystem von Gazprom einbauen, oder die russische Firma Elton, in deren Energiespeicher-Akkus die deutschen Ventilatoren für die nötige Kühlung sorgen. Seit mehr als zwölf Jahren vertreibt EBM-Papst seine Produkte in Russland. Unter den BRIC-Ländern ist die Russische Föderation allerdings der schwächste Umsatzbringer.

Den mit 30,5 Metern längsten Autobus der Welt zeigte die Göppel Bus GmbH in Hannover. Das Thüringer Unternehmen ist im März aus einem Insolvenzverfahren von den russischen Kirow-Werken übernommen wurden. Eine Unternehmenssprecherin sagte, die Zusammenarbeit floriere. Die Bus-Produktion an den Standorten in Augsburg und in Nobitz gehe weiter wie gewohnt. Der Vertrieb soll auf die GUS ausgeweitet werden und mittelfristig sei geplant, auch in den Kirow-Werken in St. Petersburg Busse zu produzieren.

Insgesamt kamen zur Hannover Messe in diesem Jahr rund 225.000 Besucher. Jeder vierte Besucher reiste aus dem Ausland an. Die Niederlande und China waren mit rund 3.500 beziehungsweise 3.400 Besuchern am stärksten vertreten, gefolgt von Indien, Italien, Österreich und Dänemark. Die nächste Messe wird vom 7. bis 11. April 2014 veranstaltet. awa/gh