Interview Hannover Messe: Vom Steuerpult bis zur Olympiafackel

Russland ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe © OWC
Russland ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe © OWC

Russland geht in diesem Jahr mit einem besonderen Anspruch auf die Hannover Messe: Als Partnerland will man die Potenz der russischen Industrie demonstrieren. Denis Manturow, Russlands Minister für Industrie und Handel, berichtet im Interview mit Ost-West-Contact, wie der Auftritt in Hannover aussieht, welche Rolle Deutschland bei der Erneuerung des russischen Maschinebaus spielt und was der WTO-Beitritt für die Industrie des Landes bedeutet.

OWC: Wie präsentiert sich Russland zur Hannover Messe? Welche Themen haben Sie ausgewählt?
Manturow: Zweifellos ist die Hannover Messe eine der wichtigsten internationalen Ausstellungen, die viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Russland ist nach 2005 das zweite Mal Partnerland der Messe. Unsere Teilnahme in diesem Jahr ist das ehrgeizigste Projekt in der Geschichte der industriellen Ausstellungen Russlands. Wir erwarten, dass sich in Hannover mehr als 100 russische Unternehmen in sechs verschiedenen Pavillons vorstellen werden. Unsere Beteiligung steht unter dem Motto „Globale Industrie“. Priorität haben für uns die Themen Energie, Maschinenbau, neue Werkstoffe und industrielle Automatisierung. Es werden sich mehrere russische Städte und Regionen präsentieren – darunter Moskau, St. Petersburg, das Leningrader Gebiet, Kaluga und Kirow. Außerdem nimmt die politische und wirtschaftliche Elite Russlands an Foren und Konferenzen der Messe teil. Eines der wichtigsten Ereignisse wird die deutsch-russische Wirtschaftskonferenz sein, die wir gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft organisieren.
Kurz gesagt, für uns ist die Messe ein wichtiges Werkzeug, um die Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland zu vertiefen und die Interessen der russischen Exporteure zu stärken, vor allem aber ist sie eine Plattform für Kommunikation, freie Diskussion, den Aufbau von Vertrauen und die Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten.

Industrieminister Manturow verantwortet den russischen Auftritt in Hannover © OWC
Industrieminister Manturow verantwortet den russischen Auftritt in Hannover © OWC

OWC: Wie wird sich die russische Industrie präsentieren?
Manturow: Russland will in Hannover neue Hightech-Entwicklungen aus verschiedenen Branchen vorstellen – zum Beispiel der Medizintechnik, der Metallurgie und aus den Bereichen Nanomaterialien und Energieeffizienz.
Die russische Exposition in diesem Jahr ist breit und vielfältig. Zu sehen sein werden auch Projekte mit Partnern, unter anderem aus Deutschland, in den Bereichen Maschinenbau, Robot-Systeme, elektrische Leiter oder Schiffbauindustrie. Wir werden uns auch bei den Sonderausstellungen Metropolitan Solutions (zur Entwicklung von Großstädten) und der Industrial GreenTech (zu Design und Entwicklung von Umwelttechnologien) engagieren.
Besonders aktuell auf der Tagesordnung der russischen Industrie ist die Frage der Zusammenarbeit im Bereich Verbundwerkstoffe. Hier werden wir uns aktiv an der Organisation einer russisch-deutschen Diskussionsrunde beteiligen. Wir hoffen, dass dies einen starken Impuls für die weiteren Kooperationen zwischen unseren Ländern gibt.
Als Partnerland möchte Russland einen besonderen Beitrag zum Programm der Hannover Messe leisten. Ein solches Projekt ist das internationale Forum „Global Industrial Design“. Führende Design-Schulen aus Russland und Europa werden auf dem zentralen russischen Stand ihre neuesten Technologien und die effizientesten und effektivsten Design-Lösungen vorstellen.
Außerdem werden das Ministerium für Energie und die großen russischen Energie-Unternehmen auf der Sonderausstellung „Energy“ im Pavillon Nummer 13 auf einer Fläche von etwa 1.000 Quadratmetern vertreten sein. Die wichtigsten Themen dabei sind die Produktion und Übertragung von Energie sowie die Modernisierung der Vertriebsnetze.

OWC: Welche Innovationen werden Sie der Weltöffentlichkeit in Hannover vorstellen – gibt es Überraschungen?
Manturow: Ich habe keine Zweifel daran, dass viele Unternehmen ihre innovativsten Entwicklungen mitbringen werden. Ich kann jetzt schon sagen, dass auf dem Industrie-Design-Forum innerhalb unseres Zentralstandes herausragende Exponate ausgestellt werden – wie die olympische Fackel für Sotschi-2014, das Steuerpult der Raumsonde Energia, der neueste Diesel-Kerosin-Motor RedAirCraft und das Modell der neuen U-Bahn-Wagen, die im Joint Venture von Uralwagonsawod und Bombardier entstehen.
In Sachen Innovation spielen wissenschaftliche Forschung und technologische Entwicklung eine wichtige Rolle. In diesem Jahr wartet auf die Besucher eine qualitativ hochwertige Exposition, die das hohe wissenschaftliche, technische, technologische und innovative Potenzial unseres Landes zeigt – zu sehen in Halle zwei auf der Industrieausstellung „Forschung und Technik“.

Es präsentieren sich nicht nur die großen russischen Firmen © OWC
Es präsentieren sich nicht nur die Schwergewichte © OWC

OWC: Wie viele russische Unternehmen werden an der Ausstellung teilnehmen? Wer ist der größte Aussteller?
Manturow: Wie bereits gesagt, wir erwarten mehr als einhundert russische Unternehmen, die mit ihren Entwicklungen nach Hannover kommen werden. Besonders erfreut bin ich darüber, dass in diesem Jahr erstmals nicht nur die großen Akteure der Industrie – wie Gazprom, Uralwagon­sawod, Rosneft, TMK, Rusnano – präsent sein werden, sondern auch viele kleine und mittelständische Unternehmen.

OWC: Welche Rolle spielen denn die kleinen und mittelständischen Unternehmen bei Ihrer Präsentation?
Manturow: Für sie ist die Hannover Messe nicht nur eine Chance, eine Menge nützlicher Kontakte in der ganzen Welt zu knüpfen, sondern auch eine einzigartige Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen mit Vertretern deutscher KMU. In Deutschland hat der Mittelstand einen Anteil von 90 Prozent an der Wirtschaft. Deshalb unterstützt das Ministerium für Industrie und Handel kleine und mittlere Unternehmen bei ihrem Wunsch, nach Hannover zu kommen und ausländische Märkte zu erschließen. Wir bearbeiten alle an uns herangetragenen Anfragen und stellen je nach individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Unternehmen geeignete, staatliche Unterstützung zur Verfügung.

OWC: Mit dem Beitritt Russlands zur WTO sind russische Unternehmen zunehmend westlicher Konkurrenz ausgesetzt. Wie sind sie darauf vorbereitet und in welchen Bereichen wird es für die russischen Unternehmen Probleme geben?
Manturow: Seit dem Beitritt sind gerade einmal sechs Monate vergangen. Die Industrie hat sich noch nicht vollständig an die neuen Marktbedingungen angepasst. Es ist noch zu früh, zu sagen, wie sich unsere Hersteller nach dem Eintritt in die WTO machen. Es gibt keine ausreichenden Daten, mittels derer die Auswirkungen auf die Produktions- und Handelsaktivitäten russischer Unternehmen umfassend beurteilt werden können.
Das offensichtlichste Problem, mit dem unsere Wirtschaft konfrontiert ist, sind die gelockerten Zollsätze, die zu zunehmender Konkurrenz bei den importierten Produkten führen. Für unsere Unternehmen ist es jetzt wichtig, sich an den Entwicklungsstrategien für die einzelnen Branchen zu orientieren und die positive Dynamik der industriellen Modernisierung zu nutzen.
Bei der Nivellierung möglicher Risiken wird den Branchen die meiste Aufmerksamkeit geschenkt, die in Bezug auf den Preis- und Qualitätswettbewerb am stärksten durch die gemilderten Zollbeschränkungen gefährdet sind. Innerhalb der WTO lassen sich die Industriezweige nicht mehr durch hohe Einfuhrzölle schützen. Es gibt allerdings auch im Rahmen des WTO-Regelwerks andere Möglichkeiten, die Unterstützung einzelner Branchen zu ermöglichen. Dazu gehören Zuschüsse für die Modernisierung, Subventionen für Betriebsmittel oder den Kauf von Rohstoffen, günstigere Kredite, die Nutzung des öffentlichen Auftragswesens oder die Förderung von Forschung und Entwicklung.
Aus jetziger Sicht sind diese staatlichen Maßnahmen ausreichend, um die Industrie an die Arbeit unter neuen Bedingungen anzupassen.

Manturow sprach zu Beginn der Messe auf dem Deutsch-Russischen Wirtschaftsgipfel © OWC
Manturow sprach zu Beginn der Messe auf dem Deutsch-Russischen Wirtschaftsgipfel © OWC

OWC: Deutschland ist ein strategischer Partner der Modernisierung in Russland. Wo und wie kommt das zum Ausdruck?
Manturow: Der strategische und langfristige Charakter der deutsch-russischen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen ist unter den ausländischen Unternehmen, die sich an der Entwicklung Russlands beteiligen, herausragend.
Deutsche Investitionen fließen in die Sektoren Groß- und Einzelhandel, Stromerzeugung, Metallurgie, die Erschließung von Öl-, Gas- und Kohlevorkommen, Transport, Kommunikation, Lebensmittel, die chemische, elektrische, elektronische sowie die Automobilindustrie und die Produktion von Baustoffen. Ihr kumuliertes Volumen beläuft sich zurzeit auf mehr als 22 Milliarden Euro, einschließlich der Direktinvestitionen in Höhe von rund neun Milliarden Euro.
Gegenseitige Investitionen sind immer der beste Beweis für die Qualität der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern. Zumindest ist diese Zahl aus meiner Sicht aussagekräftiger als das Handelsvolumen. Ein hohes Niveau an gegenseitigen Investitionen bedeutet eine tiefe Verflechtung, die Bereitschaft, Risiken zu teilen und zusammenzuarbeiten, um groß angelegte Projekte umzusetzen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Industrieanlagen aus Deutschland einen Anteil von fast 25 Prozent an allen russischen Käufen im Ausland darstellen.

OWC: Können Sie konkrete aktuelle Projekte aus den Bereichen Maschinenbau und Metallverarbeitung benennen?
Manturow: Zur Entwicklungsstrategie Russlands gehört unter anderem die Modernisierung des Werkzeugmaschinenbaus. Hier haben wir mit deutschen Partnern bereits positive Ergebnisse erzielt. Die Werkzeugmaschinenfabrik, die Gildemeister in Uljanowsk baut, ist einzigartig im ganzen Land. Abnehmer für die Anlagen finden sich nicht nur in der Automobil- und Luftfahrtindustrie der Region.
Anfang März hat mit Unterstützung des Industrieministeriums das erste Mal ein Investmentforum zur metallverarbeitenden Industrie in Russland stattgefunden, an dem auch eine große Zahl deutscher Unternehmen teilgenommen hat. Während des Forums wurde in einer Absichtserklärung festgehalten, dass in den russischen Regionen mehrere Maschinenbau-Cluster entstehen sollen. Im Gebiet Uljanowsk wird Gildemeister in das Cluster eingehen.
Auch die deutsche Stahlindustrie arbeitet aktiv mit russischen Unternehmen wie dem Magnitogorskij Metallurgitscheskij Kombinat, dem Nowolipezkij Metallurgitscheskij Kombinat oder Tscheljabinskij Metallurgitscheskij Sawod zusammen. In den laufenden Projekten werden qualitativ hochwertige kaltgewalzte und verzinkte Metallprodukte hergestellt, die den Anforderungen weltweit führender Automobilhersteller genügen.

Dieses Interview ist erschienen im Ost-West Contact 04/2013.