Staatsholding Rostec: Immer mehr ausländische Technologiepartner

Ladahersteller AvtoVAZ ist auch Teil der Staatsholding © AvtoVAZ
Ladahersteller AvtoVAZ ist auch Teil der Staatsholding © AvtoVAZ

Vielen ist es schon zu Ohren gekommen: Russland ist im April Partnerland der weltgrößten Industriemesse in Hannover. Aber Ende Februar fanden sich erst 21 russische Aussteller auf dem Internetportal der Hannover Messe 2013. Die staatlichen Technologieholdings halten sich bedeckt. Unter dem Dach von Rostec sammeln sich 22 große Industrieunternehmen aus dem zivilen und militärischen Bereich. Darunter Konzerne wie die Fahrzeughersteller AvtoVAZ und Kamaz. Eines der Leitmotive der Holding, die bis Dezember noch Rostechnologii hieß, ist es, durch ausländische Partnern Hochtechnologie ins Land zu bringen. Die deutsche Wirtschaft ist dabei mit im Boot.

So darf man spekulieren, womit sich Rostec, eine Holding mit 663 Unternehmen, mehr als einer Million Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 963 Milliarden Rubel, etwa 23,9 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, in Hannover präsentieren wird. Mit dem YotaPhone, einem Smartphone mit zwei Displays, dem neuen Hubschrauber Ka-62, optoelektronischen Geräten, neuen Verbundwerkstoffen, dem neuen Automodell Lada Granta oder der neuen lenkbaren Rakete S-80FP Kaliber 80? Der Industriegigant Rostec ist ein Gemischtwarenladen, aufgegliedert in 22 Unternehmen, die der Holding direkt unterstellt sind, 15 Holdings, in denen Unternehmen zivile Erzeugnisse herstellen, und acht Holdings, die zum militärischen Bereich gehören. Von der Automobilproduktion über den Flugzeugbau, die Metallurgie, Bauwirtschaft, Medizintechnik, Pharma, Elektronik, Bio- und Informationstechnologie bis zum Werkzeugmaschinenbau und der Waffentechnik reicht das Portfolio.

Der Hubschrauber Ka-62 von Hersteller Kamow ist eine fliegende Luxuslimousine © Kamow
Der Hubschrauber Ka-62 von Hersteller Kamow ist eine fliegende Luxuslimousine © Kamow

Gigant in staatlicher Hand
Der Konzern wurde 2007 zur Entwicklung, Produktion und zum Export von Hightech-Erzeugnissen im zivilen und militärischen Bereich gegründet. Fasste das Unternehmen damals vor allem Staatsbetriebe zusammen, die mit Verlusten arbeiteten – ein Großteil der industriellen Aktiva des Landes landete bei Rostechnologii, so vermeldet die Holding heute einen Reingewinn von 46 Milliarden Rubel (rund 1,2 Milliarden Euro) im Jahr 2011. Was auch immer man von einem solches Monstrum in staatlicher Hand halten mag – Fakt ist: „Wenn man in Russland industriell tätig sein will, führt an Rostec kein Weg vorbei“, sagt Klaus Mangold, Inhaber der IWB Consult GmbH und ehemaliger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.
Ziel des Konzerns ist es, ausländische Unternehmen als Joint-Venture-Partner für die Staatsbetriebe zu gewinnen. So soll das westliche Know-how auch in die russische Staatswirtschaft gelangen, Technologien sollen nach Russland transferiert werden und die gesamte Wirtschaft soll schließlich davon profitieren.

Die Strategie geht auf. Namhafte westliche Unternehmen haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf eine Kapitalbeteiligung an Unternehmen der Holding eingelassen: Boeing gründete mit VSMPO-Avisma das Gemeinschaftsunternehmen Ural Boeing Manufacturing, das inzwischen 40 Prozent des Titanbedarfs des amerikanischen Flugzeugherstellers deckt.
Der italienische Reifenhersteller Pirelli ging mit dem Konzern direkt eine Partnerschaft ein. Er gründete 2008 das Joint Venture Pirelli Tyre Russia, das vom Petrochemiekonzern Sibur die Reifenwerke Kirow und Woronesh übernahm. In Woronesh weihte die Firma Anfang dieses Jahres mit großem Pomp eine neue Produktionslinie ein. 2014 sollen elf Millionen Pkw- und Lkw-Reifen vom Band laufen, nicht nur für die heimische Automobilindustrie, sondern auch für den Export nach Skandinavien und Kanada. Das dürfte auch den russischen Präsidenten freuen, denn der Export industrieller Erzeugnisse ist für ihn ein wichtiges Statussympol.

Der italienische Reifenhersteller Pirelli produziert nach Übernahme einer Sibur-Tochter Reifen in Russland © Pirelli
Der italienische Reifenhersteller Pirelli produziert nach Übernahme einer Sibur-Tochter Reifen in Russland © Pirelli

Mehrheiten erlaubt
Der französische Autobauer Renault übernahm 2008 25 Prozent plus eine Aktie des Autoherstelles AvtoVAZ in Togliatti. Im vergangenen Jahr gründete Renault-Nissan ein Joint Venture mit Rostech, an dem die Franzosen die Mehrheit von 67,1 Prozent halten. Von AvtoVAZ übernahm die Allianz 50 Prozent der Anteile plus eine Aktie.
Die Liste der ausländischen Partner lässt sich fortsetzen: Agusta Westland aus Italien stieg in die Hubschrauber-Produktion ein, Alcatel-Lucent aus Frankreicht engagiert sich bei Ruselectronics, eine Fiat-Tochter ist dabei, ein amerikanischer Hersteller von Zylinderkolben, der brasilianische Bushersteller Marcopolo baut seine Busse auf Kamaz-Chassis auf. Auf der Messe KomTrans wurde 2011 der erste Bus-Prototyp vorgestellt – ausgerüstet mit Motoren von Cummins, Schaltgetrieben von ZF, Achsen und Aufhängungen von Daimler und Bremsanlagen von Knorr-Bremse.

Interessanter Partner für die Deutschen
Auch deutsche Firmen sitzen im Boot mit Rostec, neben dem Hersteller von Mobilfunkausrüstungen Rohde & Schwarz auch Siemens, die Daimler AG, Knorr-Bremse und ZF Friedrichshafen. Klaus Mangold, gut bekannt nicht nur mit dem Rostec-Chef Sergej Tchemesow, sondern auch mit den schwäbischen, bayerischen oder nordrhein-westfälischen Kfz-Zulieferern, dürfte am Zustandekommen der Allianzen einen großen Anteil gehabt haben. „Rostec ist ein interessanter Partner“, so Mangold, das ehemalige Vorstandsmitglied der Daimler AG.

Der Münchner Bremsenhersteller Knorr-Bremse unterzeichnete 2007 einen Vertrag mit Kamaz zur Gründung eines 50:50-Joint Ventures, 2008 startete die Produktion von Trommelbremsen. Seit dieser Zeit fahren russische Kamaz-Lkw zu einhundert Prozent mit Bremsen aus dem Gemeinschaftsunternehmen in Nabereshnye Tschelny. Drei neue Produktionslinien wurden aufgebaut, heute liefert das Werk, in dem Knorr-Bremse ganz im Sinne von Rostec die industrielle Führung verantwortet, auch Dämpfer, Kupplungskraftverstärker, Zylinder und andere Teile. „Unser Ziel ist es, nicht nur Kamaz mit unseren Produkten zu beliefern“, sagt Manfred Kindermann, Geschäftsführer der Knorr-Bremse KAMA, „sondern auch andere Lkw-Hersteller“.

Rostec-Chef Sergej Tchemesow © Rostec
Rostec-Chef Sergej Tchemesow © Rostec

Im Unternehmen arbeiten heute rund 190 Mitarbeiter, im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Umsatz von über 73 Millionen Euro. Kindermann sieht sich durchaus in der Lage, das Geschäft noch deutlich auszuweiten. Kamaz hält einen Marktanteil von 53 Prozent am russischen Lkw-Markt – da bleibt noch viel Raum für Phantasien. Er möchte nicht nur mit den russischen Herstellern Gaz und Maz zusätzlich ins Geschäft kommen, auch die ausländischen Lkw-Hersteller, die er in den nächsten Jahren in Russland erwartet, sind für Manfred Kindermann potenzielle Kunden. Wie der Technologietransfer vonstatten geht, wurde im Joint-Venture-Vertrag geregelt. Man produziere nach den bewährten hohen Knorr-Bremse Standards, die Produkte seien auf das Land mit Temperaturen von bis zu minus 50 Grad zugeschnitten, so Kindermann. Die Anwendung komplizierter elektronischer Systeme sei aktuell noch nicht spruchreif. „Dafür gibt es in Russland kurz- bis mittelfristig keine Abnehmer.“ Mit dem Partner Kamaz ist Kindermann sehr zufrieden. „Wie in jeder Ehe wird auch hier diskutiert, aber es geht fair zu.“

37,5 Milliarden Euro für die Weltspitze
Auch Daimler Trucks ist mit dem russischen Partner Kamaz „sehr zufrieden“, wie es auf Nachfrage aus der Zentrale in Stuttgart heißt. 2009 erwarb der deutsche Autobauer zehn Prozent der Anteile am größten Lkw-Hersteller Russlands, mit vier Prozent stieg die EBRD ein. Ein Jahr später stockte Daimler um ein Prozent auf.
Daimler baut die Kooperation mit Kamaz, die sich inzwischen strategisch nennt, Stück für Stück aus. Die Liste der Projekte ist lang, die Absatzzahlen sind erfreulich. Nur die Übernahme weiterer Aktien gestaltet sich als langwieriger Prozess. Daimler will die Mehrheit an Kamaz. Rostec sei durchaus bereit, Anteile abzugeben, sagte der Chef des Konzerns, Sergej Tschemesow, vor einem Jahr auf einer Pressekonferenz. Aber momentan befindet sich Rostec in einer großen Umstrukturierung. Staatliche Einheitsunternehmen sollen in Aktiengesellschaften umgewandelt, unprofitable Gesellschaften saniert werden. 2014 wird das Unternehmen in eine offene Aktiengesellschaft umgewandelt. Um weltmarktfähig zu werden, sind bis 2020 Investitionen im Wert von 1,5 Billionen Rubel geplant, zirka 37,5 Milliarden Euro. 30 bis 40 Prozent der Summe müssen die Unternehmen erwirtschaften, 20 bis 25 Prozent erhofft man sich von Fremdinvestoren, und mehr als 40 Prozent schießt der Staat zu.

Klaus Mangold dauert das alles viel zu lange. „Wenn sich Rostec in einzelnen Bereichen privatisieren würde, vornehmlich mit ausländischen Unternehmen, würde das die Schlagkraft erheblich erhöhen“, so der ehemalige Top-Manager.
Vielleicht würde es aber auch schon helfen, wenn der Konzern, der Weltmarktführer im Bereich der Herstellung von Hightech-Produkten werden will, vor einem Auftritt auf der weltweit größten Industriemesse die Partner darüber informiert, wann und wo man die richtigen Ansprechpartner
trifft. jf

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 03/2013.

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