Hier schlägt Chinas Herz des Fahrzeugbaus: Changchun

Bedeutender Wirtschaftsfaktor für Changchun: Audi-Produktion © Audi China
Bedeutender Wirtschaftsfaktor für Changchun: Audi-Produktion © Audi China

Spätestens seit die Reform- und Öffnungspolitik Ende der 1990er Jahre auch den Nordosten Chinas erreicht und die Zentralregierung die Restrukturierung der durch traditionelle Schwerindustrie geprägten Region in Angriff genommen hat, wächst Changchuns Wirtschaft mit jährlich rund 15 Prozent überdurchschnittlich. Inzwischen prägt längst nicht mehr die Schwerindustrie das Bild. Neben der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, was weit mehr als Lebensmittelproduktion ist, sind moderne Branchen wie die Optoelektronik zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Wirtschaftlich ist Jilins Hauptstadt längst im »Sommer« angekommen. Das sei auch bei den zunehmenden ausländischen Direkt­investitionen zu spüren, meint der stellvertretende Leiter der Abteilung für Wirtschaft und technische Kooperation der Stadtregierung, Ren Honglei, zu dessen Aufgaben auch die Anwerbung und Ansiedlung ausländischer Investoren zählt. Allein im Jahr 2011 sind sie gegenüber dem Vorjahr um 15,5 Prozent gestiegen. Für das Jahr 2012 liegen die Statistiken noch nicht vor. Ren geht aber von einer weiteren Zunahme aus.
Für ihn gibt es keinen Zweifel daran, dass seine Stadt, die im geografischen Zentrum des aufstrebenden Nordost­asiatischen Wirtschaftsraumes liegt, für Unternehmen aus der »Realwirtschaft« ein idealer Standort für die Ansiedlung der Produktion ist. Und er begründet dies mit der langen Industrietradition Changchuns. »Hier ist es nicht schwierig, qualifizierte Arbeiter zu finden, die richtig anpacken können.« Berufsausbildung sei in seiner Stadt kein Fremdwort, wie dies oft im Süden Chinas der Fall sei.
Zudem habe sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Zentrum der angewandten Wissenschaften entwickelt. »Auch davon profitieren die Unternehmen. Zwischen Forschung und Entwicklung auf der einen Seite und Produktion auf der anderen ist der Weg bei uns nur kurz«, hebt Ren hervor und verweist auf die mehr als 20 Hochschulen sowie mehr als 100 Forschungseinrichtungen in der Stadt, darunter auch zwei namhafte Institute der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die auf optoelektronische Physik sowie angewandte Chemie spezialisiert sind. Und er betont noch einmal, dass es gerade die Kombination aus Industrietradition und Wissenschaft sei, die Changchun so attraktiv mache.
Das wissen unter anderen die Autobauer zu schätzen. Flaggschiff ist ohne Zweifel das Joint Venture zwischen Audi und FAW, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Rund 80 Prozent der in China verkauften Audis werden an den Fließbändern des Changchuner Werkes gebaut. Auch Volkswagen baut in Changchun Autos, General Motors ebenso. Gefolgt sind den Autobauern die Zulieferfirmen: Bosch zum Beispiel und Continental.
Ren Honglei meint, dass das Potenzial für die Autozulieferer längst nicht ausgeschöpft ist und er will in den kommenden Jahren noch mehr Firmen in seiner Stadt ansiedeln. Das begründet er mit einer einfachen Rechnung: Zurzeit verlassen in Changchun jährlich 1,5 Millionen Fahrzeuge die Fabriken. Die Kapazitäten reichen aber für zwei Millionen aus und bis zum Jahr 2015 sollen sie auf drei Millionen ausgebaut werden. Für Zulieferer gebe es somit ein potenzielles Marktvolumen von 200 Milliarden Yuan im Jahr, das nur zu etwa 30 Prozent von einheimischen Unternehmen bedient werden könne, so Ren.
Über Investitionsanreize will er an dieser Stelle aber nicht sprechen. »Das ist alles Verhandlungssache«, sagt er salomonisch und verweist darauf, dass die in den Anfangsjahren der Reformen übliche »Vorzugspolitik« für ausländische Investoren der Vergangenheit angehöre. Daran müssten sich auch die Changchuner Investitionsförderer halten. »Wir haben aber genug andere Möglichkeiten, Investoren zu unterstützen und ihnen Rahmenbedingungen zu schaffen, die es für sie attraktiv machen, bei uns zu investieren.«
Wenn es um Changchun als Stadt des Fahrzeugbaus geht, muss der Schienenfahrzeugbau ebenso erwähnt werden. Auch in diesem Bereich sind ausländische Unternehmen bereits in der Stadt aktiv: Bombardier und Siemens gehören dazu. Mit Stolz verweist Ren darauf, dass der erste vollständig in China entwickelte und produzierte Triebwagen für einen Hochgeschwindigkeitszug aus seiner Stadt kommt.
Das ist für Ren Honglei auch der Punkt, an dem er auf die gut ausgebaute Infrastruktur zu sprechen kommt. Ja, auch Changchun hätte gern eine Direktverbindung der Luft­hansa nach Deutschland. Die Airline habe sich aber für Shenyang entschieden, bedauert Ren und fügt an, mit der neuen Hochgeschwindigkeitsverbindung seien es vom Shenyanger Flughafen nach Changchun nur 60 Minuten. »Eigentlich haben wir so doch einen Direktflug nach Frankfurt am Main«, sagt er lachend und verweist darauf, dass dies nicht länger dauert als vom Westen in den Osten Pekings.

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 01/2013.