Die zweite Million ist das nächste Ziel

Dietmar Voggenreiter (43) ist Präsident von Audi China © CC/pt
Dietmar Voggenreiter (43) ist Präsident von Audi China © CC/pt

Genau sechs Jahre sind es jetzt, dass Dietmar Voggenreiter das China-Geschäft von Audi leitet, zunächst aus der Konzernzentrale in Ingolstadt und seit 2009 in Peking. Inzwischen ist er schon fast zum Chinesen geworden, weiß, dass es den Fengshui-Regeln widerspricht, mit dem Rücken zur Tür zu sitzen. Er macht es aber trotzdem, »weil ich den Blick ins Grüne genießen will«. In China fühle er sich wohl, sagt der Audi-China-Präsident, er habe einen »Hang zu dem Land« entwickelt, Freundschaften geschlossen. Und die Arbeit mache ihm Spaß, was bei dem Erfolg, den die Ingolstädter Autobauer in China haben, nicht verwundere, wie der Manager freundlich lächelnd hinzufügt.
Grund dafür hat er allemal. Bis Ende November 2012 bilanziert der Audi-Manager gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres ein Verkaufsplus von 30,7 Prozent. 2006, in dem Jahr, als er das Chinageschäft übernommen hatte, verkauften die Ingolstädter in China 80.000 Fahrzeuge. 2011 waren es bereits 309.000, fast ein Viertel der weltweit verkauften Audis. Von diesem Wachstum habe er zu Beginn seiner China-Karriere nicht einmal zu träumen gewagt, so Dietmar Voggenreiter: »Meine kühle Vision war, bis 2015 die 250.000-Marke zu erreichen.« Und er ergänzt: »Das ist eine tolle Entwicklung.« Auf die Frage nach seinen künftigen Visionen erwidert der Manager salomonisch: »Darüber spreche ich erst, wenn sie erreicht sind.« Daran, dass Audi auch in den kommenden Jahren weiter auf dem Wachstumspfad sein wird, hegt er keine Zweifel. Ende November hatte das Unternehmen auf der Automesse in Kanton den komplett lokal gefertigten Q3 präsentiert. 2013 wird das Kompaktfahrzeug in den chinesischen Markt eingeführt und Dietmar Voggenreiter ist davon überzeugt, dass mit dem umweltfreundlichen und kosteneffizienten Modell der Audi-Absatz zusätzlich angefeuert wird.
Dass der chinesische Automarkt, wie oft orakelt wird, allmählich zum Erliegen kommt, glaubt der Manager nicht. Optimistisch stimme ihn die Prognose der Chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften von Anfang Dezember, die für 2013 ein wirtschaftliches Wachstum von mehr als acht Prozent vorhersagt. Zudem sei der Nachholbedarf noch viel zu groß. Das sagt Dietmar Voggenreiter mit Blick auf die kleineren Städte, »die immerhin auch noch eine Bevölkerung von einer bis fünf Millionen haben«. Dort sieht er künftig die meisten Zuwächse, weshalb das Händler- und Werkstättennetz gezielt ausgebaut wird. Aber auch für die Metropolen wie Peking, Kanton oder Shanghai sind seine Zukunftsprognosen optimistisch. Die dort eingeführten Maßnahmen zur Begrenzung der jährlichen Autoverkäufe bekomme er nicht zu spüren. Denn der Trend ist, dass Autobesitzer beim Neuwagenkauf in eine höhere Klasse wechseln. »Die haben dann schon ein Nummernschild und müssen nicht durch das Lotterieverfahren.« Davon profitieren Premiumhersteller wie Audi. Nach wie vor seien Modelle wie der A8 oder Q7 gefragt. Bei den Top-Fahrzeugen sieht Dietmar Voggenreiter das größte Wachstumspotenzial, das mit 50 Prozent überdurchschnittlich hoch ist. Und er unterstreicht dies mit schlichten Zahlen: In China habe das Premium-Segment einen Marktanteil von neun Prozent, in reiferen Märkten seien es rund 15 Prozent. »Da ist noch viel Bedarf in der Breite.« Normal sei aber auch, dass die Märkte in Großstädten irgendwann gesättigt sind. Das sei in Peking oder Shanghai nicht anders als in New York oder Berlin.

Antworten auf gesellschaftliche Trends
Die Markteinführung des Q3 ist auch eine Antwort auf das veränderte Käuferverhalten in China. Als Autohersteller hätte das Unternehmen »den politischen Auftrag und die gesellschaftliche Verantwortung, ein tolles Produkt auf den Markt zu bringen, sportliche Wagen, die effizient unterwegs sind«. Gefragt sind zunehmend Fahrzeuge mit einem geringen Verbrauch. »Auf den gesellschaftlichen Trend zu mehr Effizienz sind wir gut vorbereitet«, sagt der Manager und konstatiert, dass die chinesischen Autofahrer zwar den Luxus und Komfort schätzen, ebenso schnelle Fahrzeuge, gleichzeitig aber Umweltaspekte eine immer größere Rolle bei der Kaufentscheidung spielen. Autos mit sparsamen Drei-Liter-TFSI-Motoren werden eher gekauft als Fahrzeuge mit dem klassischen Acht-Zylinder-Motor. Gemeinsam mit dem Joint-Venture-Partner wurde bereits vor Jahren ein Programm zur Reduzierung des Verbrauchs der lokal hergestellten Fahrzeuge um 15 Prozent bis 2013 aufgelegt. Erreicht wird dies unter anderem durch die Einführung der Start-Stopp-Technologie sowie die serienmäßige Anwendung der Technologie zur Rückgewinnung der Bremsbeschleunigungsenergie. Dazu gehöre auch die Leichtbaufertigung: Karosserien aus warmgeformten Blechen und Aluminium. Der in Changchun gebaute A6L wurde inzwischen staatlich als »Effizienz-Limousine« zertifiziert.
Beim Thema Effizienz und Umweltfreundlichkeit kommt das Gespräch auch auf das e-Mobil von Audi. Im Sommer hatte der Konzern der Deutschen Botschaft in Peking einen e-tron als Testfahrzeug übergeben. »Die Reaktionen sind durchweg positiv«, so Dietmar Voggenreiter, der betont, dass es wichtig sei, das Elektrofahrzeug in China mit seinen verschiedenen Klimazonen zu testen. Gleichzeitig stellt er eine Normalisierung in der Diskussion um die E-Mobilität fest. Ja, auch er glaubt an die Zukunft der E-Mobilität in China, meint jedoch, dass es den vorhergesagten Boom nicht so bald geben werde. »Da war der Optimismus ein wenig übertrieben.« Noch seien die elektrisch betriebenen Autos zu teuer und die Reichweite sei unter anderem aufgrund der fehlenden Infrastruktur für Ladestationen zu gering. Den Widerspruch auf das Argument mit der Reichweite, weil chinesische Autofahrer selten lange Strecken fahren, lässt er nicht gelten. »Gerade in Peking wollen sie auch mal am Wochenende in die Berge fahren. Und sie wollen mit ihrem Auto zu bestimmten Feiertagen bei ihren Familien in anderen Städten vorfahren.« Mehr Chancen räumt Dietmar Voggenreiter daher zunächst der Hybrid-Plug-in-Technologie aus seinem Hause ein, mit der die chinesischen Ziele zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes ebenfalls erreicht werden können und die mehr Flexibilität bietet.

Soziale Verantwortung übernehmen
Spricht der Manager von Antworten auf gesellschaftliche Trends, meint er auch die soziale Verantwortung, die ausländisch investierte Unternehmen in China wahrnehmen müssen. Und das fängt im eigenen Unternehmen an. Das Werk in Changchun unterscheide sich nicht vom Ingolstädter, weder bei den Produktionsanlagen und der Gestaltung der Arbeitsplätze, noch bei den Umweltstandards, die eingehalten werden. »Würden Sie die Köpfe der Arbeiter nicht sehen, könnten Sie meinen, in Ingolstadt zu sein.« 2013 wird im südchinesischen Foshan ein neues Werk eingeweiht, das Audi gemeinsam mit Volkswagen baut. Dort wird zunächst der Golf vom Band rollen, später auch der A3.
Rund 80 Prozent der in China verkauften Audi-Fahrzeuge sind lokal produziert. Ein Image-Problem hat der Hersteller, der 2013 sein 25-jähriges China-Jubiläum feiert, damit nicht. Immerhin nehme die Marke bei Umfragen zur Kundenzufriedenheit die Spitzenposition ein. Die Kunden wüssten, dass sich ein Audi made in China nicht von einem Audi made in Germany unterscheidet. »Auch ich fahre einen Audi aus lokaler Fertigung.« Auf die Frage, ob es denn vorstellbar sei, dass eines Tages auch in deutschen Autohäusern ein Audi aus den chinesischen Werken zu haben sein wird, antwortet Dietmar Voggenreiter, dass die Werke mit dem chinesischen Bedarf voll ausgelastet sind.
2010 wurde der einmillionste Audi aus chinesischer Produktion ausgeliefert. Die zweite Million soll 2013 erreicht werden. »Darauf freue ich mich schon«, sagt Dietmar Voggenreiter und betont, genau das seien die Ereignisse, die dazu beitrügen, dass die Arbeit in China Freude bereitet.

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 01/2013.