Hongkong: Neue Felder für Kooperationen erschließen

Hongkong von oben - eine Stadt, zwei Systeme © OW
Hongkong von oben – eine Stadt, zwei Systeme © OW

Seit Anfang dieses Jahres ist Ivan Lee Leiter der Vertretung der Hongkonger Regierung in Berlin. Die ehemalige Kronkolonie am Zipfel des Perlflussdelta hat sich seit ihrer Rückgabe an China vor 15 Jahren ein Stück ihrer Autonomie bewahrt und ist zur internationalen Handelsmetropole avanciert. Die allerdings genauso wie das chinesische Festland abhängig ist von der Wirtschaftsentwicklung in den USA und Europa. Im Interview mit ChinaContact sprach Ivan Lee über seine Ansichten zur veränderten Rolle Hongkongs nach der Wiedervereinigung mit China, den Nachholbedarf bei der Erschließung neuer Märkten in Mittel- und Osteuropa und über neue Felder für die wirtschaftliche Kooperation zwischen Deutschland und Hongkong.

Herr Lee, der 15. Jahrestag des „Hand­overs“, der Rückübertragung der Souveränität über Hongkong an China, liegt nur wenige Monate zurück. Wie hat sich Hongkong in diesen 15 Jahren verändert?
Lassen Sie es mich so sagen: Obwohl es auch vor der Wiedervereinigung Hongkongs mit China zwischen beiden Seiten recht enge Bindungen gab, hat die Integration seit 1997 eine ganz neue Qualität erreicht, insbesondere mit der Perlflussdelta-Region. Der Fluss von Waren und Dienstleistungen, aber auch der Austausch zwischen den Menschen ist viel intensiver geworden. Dazu hat mit Sicherheit auch die Vereinbarung über engere wirtschaftliche Kooperation, CEPA, einen Beitrag geleistet. Aus meiner Sicht ist das ein entscheidender Trend für die Hongkonger Gesellschaft.
Selbstverständlich ist Hongkong nach wie vor eine internationale Stadt, die nicht nur von ihrer Position als Tor nach China abhängt, sondern im besonderen Maße auch vom Handel mit Europa, Amerika und den Ländern der Asien-Pazifik-Region. Bei allen Änderungen, die sich vollzogen haben, hat sich die Stadt entsprechend dem Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ ihren im „Basic Law“ verankerten hohen Grad an Autonomie und ihre Vorteile bewahrt, die sie zu einer Metropole für das weltweite Geschäft gemacht haben. Gleichzeitig hat Hongkong auch neue Funktionen übernommen. Denken Sie beispielsweise an unsere Rolle als Zentrum für die Internationalisierung des Renminbi Yuans. In einem Satz: Wir haben die Chancen, die unsere besonderen Beziehungen zum chinesischen Festland bieten, gut genutzt, um unsere eigenen Stärken noch besser zur Geltung zu bringen.

Lässt sich das heutige Hongkong mit einer kurzen, prägnanten Formel charakterisieren?
Vielleicht so: Eine internationale Metropole mit ganz besonderen Beziehungen zum chinesischen Festland.

Ivan Lee ist Leiter der Vertretung der Hongkonger Regierung in Berlin © OWC
Ivan Lee ist Leiter der Vertretung der Hongkonger Regierung in Berlin © OWC

Die wirtschaftlichen Probleme in Europa und in den USA sind nicht mehr kleinzureden. Ebenso nicht die Auswirkungen auf Asien, auf China, auf Hongkong. Wie schätzen Sie die Perspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung Hongkongs in der nahen Zukunft ein?
Hongkong ist eine offene Wirtschaft und Sie haben Recht, was auch immer in Europa oder den USA passiert, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Stadt. Hinzu kommt die wirtschaftliche Entwicklung auf dem chinesischen Festland. Kühlt sich dort das Wachstum ab, wie es zurzeit der Fall ist, bleibt auch das nicht ohne Auswirkungen auf Hongkong. Ich habe mir die jüngsten Handelszahlen angesehen und mich stimmt optimistisch, dass im Handel mit China und der Asien-Pazifik-Region eine beginnende Belebung zu spüren ist. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Europa-Handel weiter im Abwärtstrend befindet.
Kurz- und mittelfristig sind wir dennoch recht optimistisch, was die wirtschaftliche Entwicklung Hongkongs angeht, und zwar dank der wirtschaftlichen Entwicklung in China.

Die ist jedoch nicht mehr so dynamisch wie in den vergangenen Jahren.
Ja, auch die chinesische Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell wie gewohnt. Aber bitte, das ist ein Rückgang von acht bis zehn Prozent auf etwa sieben Prozent.
Größere Sorgen bereitet mir eher die Situation hier in Europa. Ich sehe die Bemühungen der Europäischen Kommission, der europäischen Regierungen, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Ob die Maßnahmen greifen und wie die Entwicklung in den kommenden sechs bis zwölf Monaten aussehen wird, bleibt spannend. Denn auf Hongkong und seine Wirtschaft hat das zweifelsohne Einfluss.

Herr Lee, als Repräsentant der Hongkonger Regierung in Berlin sind Sie nicht nur für die wirtschaftlichen Beziehungen Hongkongs mit Deutschland verantwortlich, sondern auch für die Beziehungen zu sieben weiteren Ländern Mittel- und Osteuropas. Wo sehen Sie angesichts der problematischen Situation in Europa neues Potenzial für Kooperationen?
Ich glaube, dass in vielen Bereichen das Potenzial für Kooperationen längst noch nicht erkannt wurde – in der Kreativwirtschaft beispielsweise, bei der Entwicklung und dem Einsatz von Umwelttechnologien, vielleicht auch im Bereich der Gebäudewirtschaft und bei Transportdienstleistungen.
Selbstverständlich hat Deutschland eine sehr lebendige Kulturszene. Aber auch Hongkong entwickelt sich zu einem „Kultur-Hub“ für Asien. Wir haben gut ausgebildete und innovative Menschen und die notwendige Infrastruktur, um kreative Industrien zu entwickeln. Gleichzeitig ist Hongkong die Stadt, in der Ost und West zusammentreffen. Wir sind kosmopolitisch. Viele europäische Designer zieht es deshalb nach Hongkong, um den asiatischen und insbesondere den chinesischen Markt zu erschließen. Gleichzeitig hat sich Hongkong zu einem asiatischen Zentrum der modernen Kunst entwickelt. Kreativwirtschaft ist zweifelsohne ein Bereich, in dem noch mehr Kooperationen möglich sind.
Das trifft auch für Umwelttechnologien zu. Deutschland ist in diesem Bereich Vorreiter. Und da die Hongkonger Gesellschaft zunehmend für Umweltschutz sensibilisiert ist, für Wiederverwertung, für grüne Technologien insgesamt, gibt es aus meiner Sicht eine Vielzahl von Möglichkeiten, Kooperationen in diesem Bereich aufzubauen und den Hongkonger Markt zu erschließen. Das Recycling von Elektroschrott beispielsweise. Mit dem zunehmenden Tempo der Innovation in der Computer- und Telekommunikationsindustrie ist die Bewältigung der Berge von Elektroschrott und die Wiedergewinnung von wertvollen Rohstoffen für Hongkong wie für alle entwickelten Gesellschaften ein drängendes Problem. Wir haben Pläne, dafür entsprechende Kapazitäten aufzubauen. Das Projekt wird international ausgeschrieben. Deutsche Technologieanbieter sollten sich daran beteiligen.

Wann?
Bis Ende dieses Jahres wird das Ausschreibungsverfahren eingeleitet.

Anhaltenden Investitionen in die Infrastruktur sind ein positives Zeichen für Hongkongs Wirtschaft © ISD Hongkong
Anhaltenden Investitionen in die Infrastruktur sind ein positives Zeichen für Hongkongs Wirtschaft © ISD Hongkong

Und an was denken Sie bei Transportdienstleistungen?
In Kai Tak, dem alten Hongkonger Flughafen, entsteht, wie Sie wissen, ein neuer Business-Bezirk. Die Frage ist, wie der Transport dorthin umweltfreundlich gestaltet werden kann, und es wird an den Bau einer Schienen-Verbindung gedacht. Auch das könnte für deutsche Unternehmen von Interesse sein.
Und letzten Endes finde ich, dass auch Architekten und Unternehmen, die innovative Gebäudetechnik herstellen, noch stärker nach Hongkong schauen sollten. Auch beim Kai-Tak-Projekt.

Haben deutsche Architekten dort wirklich eine Chance?
Da bin ich mir ganz sicher.

Kai Tak, das ist ja nun kein ganz so neues Vorhaben. Seit Jahren wird darüber gesprochen und jetzt scheint sich ja auch etwas dort zu bewegen. Gibt es aber wirklich europäische Architekten, die an dem Projekt beteiligt sind?
Es stimmt, um Kai Tak wurde lange diskutiert. Seit vergangenem Jahr liegt jedoch ein Masterplan vor, der nun mit Detailplanungen untersetzt wird. Ich zweifle nicht daran, dass sich dabei auch für europäische Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten bieten.

Wie Sie wissen, wird in China angesichts der rückläufigen Nachfrage in Europa und Amerika über eine Neuorientierung im Handel nachgedacht, die Erschließung neuer Märkte. Gilt das auch für Hongkong?
China, Europa und die USA werden für uns die wichtigsten Märkte bleiben. Gleichzeitig schauen wir uns in den aufstrebenden Märkten um, beispielsweise in Südasien, in Lateinamerika oder im Nahen Osten. Das machen wir aber schon seit etwa zehn Jahren.

Sie sind auch für die „neuen“ Märkte in Ost- und Mitteleuropa zuständig. Wie sehen die Beziehungen mit diesen Ländern aus?
Da gibt es in der Tat noch Nachholbedarf. Traditionell haben die Länder sehr enge Beziehungen in Europa, Deutschland ist für viele der wichtigste Handelspartner. Gerade jetzt, da wir in Europa eine Krise haben, ist genau der richtige Zeitpunkt, Marktstrategien zu diversifizieren und stärker Richtung Asien zu blicken. Hongkong ist dafür die ideale Plattform.

Mit Ivan Lee sprach Peter Tichauer. Der Beitrag ist erschienen in ChinaContact 12/2012.