Der Vormarsch der Agrarbarone in der Ukraine

Deutsche Landmaschinenhersteller profitieren von der Modernisierung der ukrainischen Landwirtschaft © Claas
Landmaschinenhersteller profitieren von der Modernisierung © Claas

Der ukrainische Agrarsektor gewinnt an Bedeutung und zieht in- und ausländische Investoren an. Trotzdem es verboten ist Land zu kaufen, sind in den letzten Jahren große landwirtschaftliche Einheiten entstanden. Die neuen „Agrarbarone“ bewirtschaften teils große Flächen und bauen ihren Marktanteil aus. Die Agrarholdings beschaffen sich auf dem internationalen Finanzmarkt Geld und investieren es zum Teil in moderne Landtechnik und den Ausbau der Infrastruktur. Dennoch bremsen institutionelle Hemmnisse, Kapital- und Personalmangel sowie unvorhersehbare wirtschaftspolitische Entscheidungen die dringend notwendige Modernisierung der Branche. Der Ukraine bleibt daher der Zugang zu vielen Absatzmärkten verwehrt.

Als Zar Alexander II. im Jahr 1861 die Leibeigenschaft im Russischen Reich aufhob und damit die Bauern aus der jahrhundertealten Schollenbindung befreite, bekam jeder Landbewohner einen kleinen Bodenanteil zugeteilt. Verwaltet wurde das Land im Rahmen der bäuerlichen Dorfgemeinschaft, die die Parzellen zu- und periodisch neuverteilte und kollektiv über die Nutzung bestimmte. 150 Jahre später erinnert in der Ukraine manches an diese frühe Landreform: Im Zuge der Bodenreform teilte die Regierung in Kiew in den 90er Jahren die kollektiven und staatlichen landwirtschaftlichen Flächen in Anteile (Paj), die jedem Landbewohner das Eigentumsrecht auf ein landwirtschaftliches Grundstück garantierten. Über die Verpachtung der Parzellen entscheidet auch heute häufig noch die Dorfversammlung.

Die meisten Landbesitzer wollen oder können ihren Boden nicht selbst bestellen. Da seit 2001 ein Moratorium über den Kauf und Verkauf landwirtschaftlichen Bodens gilt, ist der Markt für landwirtschaftliche Flächen in der Ukraine ausschließlich ein Pachtmarkt. Über 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche von knapp 42 Millionen Hektar sind verpachtet, der Großteil davon an Großlandwirte und landwirtschaftliche Betriebe, die mehr als 1.000 Hektar bewirtschaften. Da ein Bodenanteil im Durchschnitt vier Hektar groß ist, pachten solche Unternehmen mindestens 250 Bodenanteile. Anfang 2012 gab es insgesamt 4,8 Millionen solcher Pachtverträge mit einer durchschnittlichen Laufzeit von vier bis fünf Jahren.

Pachtzinsen für Agrarflächen 2011 (in Hrywnja/Hektar)

Pachtzinsen für Agrarflächen 2011 (in Hrywnja/Hektar), Quelle: UCAB
Quelle: UCAB

Moratorium bis 2016 verlängert
Über die mögliche Aufhebung des Landmoratoriums, das bis zur Schaffung der notwendigen Voraussetzungen – etwa der Fertigstellung eines Katasters – aufrechterhalten werden soll, gibt es eine periodisch wiederkehrende wirtschaftspolitische Diskussion. Im November hat das ukrainische Parlament das Moratorium erneut bis zum 1. Januar 2016 verlängert. Begründet wurde der Schritt vor allem mit drohenden Unsicherheiten in der Lebensmittelversorgung, falls landwirtschaftliche Flächen im großen Stil von einheimischen Oligarchen oder ausländischen Investoren aufgekauft würden.

Allerdings werden auch nach der Freigabe des Marktes rigide Vorgaben für Käufer bestehen. Generell werden nur ukrainische Bürger Agrarflächen erwerben dürfen, wobei natürliche Personen nach dem Bodengesetz, das das Parlament im Dezember 2011 in erster Lesung verabschiedet hat, insgesamt über nicht mehr als 100 Hektar verfügen dürfen. Juristischen Personen verbietet das Gesetz den Erwerb grundsätzlich. Die gekauften Flächen dürfen außerdem zehn Jahre lang keiner anderen Nutzung unterzogen werden, wenn das Grundstück im Bodenregister als landwirtschaftliches Areal geführt ist.

Über die Vor- und Nachteile des Moratoriums gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kritiker des Moratoriums bemängeln, dass das Kaufverbot ausländische Investoren abschrecke und die Modernisierung der ukrainischen Landwirtschaft behindere, auch weil Land nicht als Sicherheit für Kredite genutzt werden kann. Andere sehen das Moratorium nicht so kritisch: „Die Agrarholdings begrüßen die Situation, weil die Pachtkosten dadurch niedrig sind“, sagt etwa Julian Ries, Rechtsanwalt bei Beiten Burkhardt in Kiew. Im Jahr 2011 lag der durchschnittliche Pachtzins bei gerade einmal 350 Hrywnja (34 Euro) pro Hektar.

Pflanzenproduktion in Millionen Tonnen, Quelle: DerschKomStat
Pflanzenproduktion in Mio. Tonnen, Quelle: DerschKomStat

Der deutsche Agrarberater Dietrich Treis befürchtet sogar, dass die Aufhebung des Moratoriums zu einer Verschlechterung der finanziellen Situation führen würde, da die Betriebe das Pachtland erst einmal kaufen müssten und damit weniger Geld für dringend notwendige Investitionen hätten. In den kleineren Betrieben sind die Parzellen zudem viel zu klein, um damit größere Kredite etwa für die Anschaffung von Landtechnik zu besichern.
„Wenn man mich fragt, ob wir das Land nach der Aufhebung des Moratoriums kaufen würden, sage ich nein“, sagt auch Galina Wasilik, Exekutivdirektorin der ukrainischen Agrarholding Ukrlandfarming: „Für uns ist es ausreichend, so viel wie möglich Land zu pachten, und den Großteil der Investitionen in die Infrastruktur und neue Agrartechnologien zu stecken.“

Anteil des Agrarsektors steigt
Wer die teils leidenschaftlichen Diskussionen um das Moratorium und andere agrarpolitische Entscheidungen verstehen will, muss die Bedeutung der Landwirtschaft für die Ukraine und für das Selbstverständnis des Landes ermessen. Schon die ukrainische Flagge symbolisiert mit ihrem gelb-blauen Streifen den Himmel über den weiten Getreidefeldern. Anders als in vielen anderen Ländern ist die Landwirtschaft für die viel beschworene einstige Kornkammer der Sowjetunion eine Branche mit zunehmender Bedeutung.

2011 kletterte der Beitrag des Agrarsektors zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 8,3 Prozent, der Anteil der Branche am Export erreichte in den ersten neun Monaten 2012 fast ein Fünftel. Die Ukraine ist mit einem Marktanteil von bis zu 60 Prozent der weltgrößte Exporteur von Sonnenblumenöl und zudem einer der bedeutendsten Getreideexporteure. Schließlich hat das Land beste Voraussetzungen: Das riesige Flächenland verfügt über ein Viertel der weltweiten Schwarzerdeböden, und das Klima ist der Landwirtschaft im Großen und Ganzen zuträglich.

„Alle schauen immer auf die Erträge“, sagt Alex Lissitsa, Präsident der Lobbyvereinigung Ukrainian Agribusiness Club (UCAB), die die großen landwirtschaftlichen Produzenten sowie Zulieferer und Finanzierer vertritt: „Aber die ukrainischen Unternehmen sind kosteneffizienter und erwirtschaften hohe Renditen.“ Den im internationalen Vergleich immer noch niedrigeren Hektarerträgen stehen nämlich niedrige Produktionskosten gegenüber, etwa aufgrund der geringen Löhne und des dank der guten Böden geringeren Düngereinsatzes. Nicht nur die Großen profitieren davon: „Es gibt viele Kleinbetriebe, die gutes Geld verdienen“, sagt Agrarberater Treis.

Die Anbauflächen vergrößern sich trotz Landkaufverbot © InvestUkraine
Die Anbauflächen vergrößern sich trotz Landkaufverbot © InvestUkraine

Holdings auf dem Vormarsch
Das Moratorium hat die Entstehung großer landwirtschaftlicher Einheiten nicht verhindert. In den letzten fünf Jahren sind große, vertikal integrierte Agrarholdings entstanden, die durch den Erwerb von Pachtrechten oder ganzen landwirtschaftlichen Betrieben erhebliche Ländereien bewirtschaften und signifikante Marktanteile erworben haben. Die rund 80 großen Holdings bewirtschaften zusammen über fünf Millionen Hektar Nutzfläche. Allein Branchenprimus Ukrlandfarming, der dem Oligarchen Oleg Bachmatjuk gehört und in der Feld- und Viehwirtschaft tätig ist, verfügt über mehr als eine halbe Million Hektar Land und betreibt daneben unter anderem Getreidespeicher, Hühnerfarmen und fleischverarbeitende Betriebe.

In einigen Sparten stellen die neuen Agrarbarone wie Bachmatjuk bereits einen erheblichen Teil der Produktion: So liegt der Marktanteil des Eierproduzenten Avangard, einer Tochter von Ukrlandfarming, bei Eiern bei einem Viertel, bei Eierprodukten sogar bei fast 80 Prozent. In anderen, weniger lukrativen Bereichen wie der Milchwirtschaft dominieren nach wie vor die kleinen Hauswirtschaften, die zum Teil für den Eigenbedarf produzieren.

Zugang zum Finanzmarkt
Einige der ukrainischen Agrarkonzerne sind inzwischen an in- und ausländischen Börsen notiert. So wird ein Viertel der Avangard-Anteile an der London Stock Exchange gehandelt. Die Agrarholding Mriya, die im Westen der Ukraine fast 300.000 Hektar Land bewirtschaftet, ist seit 2008 an der Frankfurter Börse notiert und platzierte im Frühjahr 2011 einen Eurobond im Umfang von 250 Millionen US-Dollar.

Dank ihres Zugangs zum internationalen Finanzmarkt investieren die Holdings in moderne Landtechnik und in die Infrastruktur wie Silos oder Zuchtanlagen und haben dazu beigetragen, die Ukraine zu einem wachsenden Absatzmarkt für Mähdrescher, Traktoren und Landtechnik zu machen. Immerhin müssen nach Erhebungen des UCAB mindestens 40 Prozent der genutzten Technik wegen Abnutzung ausgetauscht werden. Der Absatz von Landtechnik dürfte 2012 um etwa ein Zehntel zunehmen.

Die Agrarholding Mriya investiert in Infrastruktur, zum Beispiel Silos © Mriya
Die Agrarholding Mriya investiert in Infrastruktur, zum Beispiel Silos © Mriya

„Wir finanzieren eine Reihe von ukrainischen Unternehmen, die regelmäßig in Deutschland einkaufen, zum Beispiel Mähdrescher oder Getreidespeicher – da sehen wir eindeutig einen hohen Finanzierungsbedarf in der Ukraine“, sagt Thomas Oelter vom GUS-Kompetenzzentrum der LBBW in Leipzig. So vergaben die Landesbanker Ende Oktober einen Kredit in Höhe von 11,5 Millionen Euro an die an der Warschauer Börse notierte Agrarholding KSG Agro. Der Kredit mit einer Laufzeit von sieben Jahren und einem Zinssatz von 5,575 Prozent p.a. ist zur Finanzierung von Anlagen des deutschen Ausrüsters Big Dutchman für einen neuen Schweinezuchtbetrieb im Gebiet Dnipropetrowsk bestimmt.

Der Vormarsch der großen Agrarholdings stößt aber auch auf Kritik. Manchen Unternehmen gehe es nur darum, ihren Landbesitz zu vergrößern, um sich für eine künftige Bodenprivatisierung in Stellung zu bringen, monieren Kritiker. „Manche Holdings unterhalten einige Vorzeigegüter, lassen aber große Flächen brach liegen“, sagt etwa Dietrich Treis. Zudem ist die enge Verbindung vieler Agrarbarone mit der Politik ein Problem: „Kleinere Konkurrenten werden manchmal rausgedrängt oder behindert,“ so Treis.

Ausländische Investoren überwinden Barrieren
Dennoch: Die Landwirtschaft ist eine der wenigen Branchen, die ausländische Investoren anlocken, auch wenn die Eintrittsbarrieren nicht niedrig sind. Klaus Kessler von der Kanzlei Rödl & Partner in Kiew sieht ein Problem in der unklaren Pacht- und Eigentumssituation: „Sie müssen auf die Dorfversammlungen gehen und mit den Eigentümern sprechen“, sagt er. Auch Dietrich Treis, der ausländische Landwirte beim Markteinstieg berät, kennt solche Situationen: „Dann stehen Sie im Winter in einem kalten Kulturhaus und diskutieren mit der Dorfgemeinschaft.“

Größter ausländischer Investor ist der Investmentfonds NCH Capital, der rund 450.000 Hektar Land in der Ukraine hält. Seit knapp fünf Jahren ist das französische Unternehmen Agrogeneration in der Ukraine tätig und hat sich auf die Rekultivierung brachliegender Flächen etwa von früheren Kolchosen spezialisiert. Neben den Großbetrieben sind aber auch zahlreiche kleinere ausländische Landwirtschaftsbetriebe oder Einzellandwirte am Dnipro aktiv. So managt Hartmut Schimetschek, Business Director Ukraine bei der Günzburger OSI International Foods GmbH, in der Ukraine 5.000 Hektar Land und 5.000 Mastplätze, einen Verarbeitungsbetrieb und einen Schlachthof und beliefert unter anderem McDonalds und westliche Handelsketten wie Billa und Metro mit Rind- und Schweinefleisch.

Aus dem Landwirtschaftsministerium in Kiew kommen unvorhersehbare Entscheidungen © OWC
Aus dem Landwirtschaftsministerium in Kiew kommen unvorhersehbare Entscheidungen © OWC

Kapital und Personal knapp
Die Investitionen im Agrarsektor und organisatorische Verbesserungen haben in den vergangenen Jahren zu steigenden Erträgen geführt, vorrangig in der Getreideproduktion. Schwieriger ist die Situation in der Fleischerzeugung, die unter der niedrigen Binnennachfrage und fehlenden Exportmöglichkeiten leidet. Der Viehbestand ist seit 1989 von 26,7 auf rund fünf Millionen Kopf geschrumpft. Nach wie vor leidet die ukrainische Landwirtschaft unter diversen strukturellen Problemen: „Die Ukraine ist nicht einmal fähig, ihren Fleisch- und Milchbedarf zu decken“, sagt Rechtsanwalt Ries.

Zu den Ursachen gehört der Mangel an fachlich qualifiziertem Personal und damit auch an Know-how. Vergleichsweise niedrige Löhne, die allgemeine Landflucht und der fehlende Charme einer Karriere auf dem Land tragen dazu maßgeblich bei. „Es ist ein unglaubliches Problem, Fachkräfte zu finden“, sagt UCAB-Präsident Lissitsa: „Alle wollen Jura und Marketing studieren.“ Der UCAB hat eine eigene Agrarschule aufgebaut, die Agrarmanager fortbildet. Nach wie vor haben kleine Betriebe zudem kaum Zugang zu Krediten, um Investitionen zu tätigen.

Fehlendes Know-how und Kapital sind auch für die Qualitätsprobleme im Agrarsektor mitverantwortlich, die den Absatz behindern. Die Ukraine exportiert wegen der organisatorischen und veterinärmedizinischen Anforderungen kaum tierische Produkte. So werden rund drei Viertel der Milch von Hofwirtschaften produziert und weisen oft Qualitätsmängel auf. Der wichtigste ausländische Absatzmarkt für ukrainischen Käse – das mit Abstand wichtigste Milchprodukt – ist daher nach wie vor Russland. Andere Absatzmärkte sind wegen der qualitativen Probleme schwer zugänglich. Dazu kommt die geringe Verarbeitungstiefe: „Die Ukraine exportiert mit Ausnahme von Sonnenblumenöl vor allem Rohstoffe“, sagt Alex Lissitsa.

Und dann ist da noch die „Unprognostizierbarkeit der Politik“, so Lissitsa. Immer wieder greift die Regierung mit Quoten, Zöllen oder Mengenbeschränkungen in den Agrarmarkt ein, um die Binnenversorgung zu günstigen Preisen sicherzustellen. Auch im laufenden Jahr herrscht wieder Ungewissheit über mögliche staatliche Maßnahmen auf dem Weizenmarkt, nachdem die Exportobergrenze von 5,5 Millionen Tonnen bereits Mitte November erreicht wurde. Die Getreidehändler befürchten nun einen Exportstopp ab Dezember. Überall auf der Welt muss die Landwirtschaft mit den Unbilden des Wetters leben, in der Ukraine zudem noch mit der Wechselhaftigkeit der Politik. ch

Studien zum Download
Weitere Informationen zur ukrainischen Landwirtschaft von InvestUkraine und dem Ukrainian Agribusiness Club:
Studie: Agricultural Industry
Doing Agribusiness in Ukraine (deutschsprachige Ausgabe)

Der Beitrag ist erschienen in Ost-West Contact 12/2012.

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