Regionalporträt Konya und Kayseri: Zentralanatolische Metropolen holen auf

Beide Provinzen liegen im Herzen der Türkei © OWC
Beide Provinzen liegen im Herzen der Türkei © OWC

Türkei – das bedeutet für viele ausländische Wirtschaftsvertreter in erster Linie Istanbul. Steht eine Erweiterung des Türkei-Geschäfts an, so rücken Ankara und Izmir in den Fokus. Die zentralanatolischen Städte Konya oder Kayseri scheinen dagegen für deutsch-türkische Unternehmungen eher uninteressant und sind sehr häufig auch unbekannt – zu Unrecht. Beide Regionen haben mehr zu bieten als Geschichte und Landwirtschaft. In Konya floriert der türkische Mittelstand, in Kayseri ist die Möbelindustrie sehr stark. Die Wettbewerbsvorteile gegenüber der zunehmend unter Kostendruck stehenden Marmara-Region werden immer weiter herausgestellt.

Konya und Kayseri sind Zielregionen vieler Reiseprogramme in der Türkei. Hier finden sich die frühsten bekannten Siedlungen der Menschheit. Konya ist bekannt für das Mevlana-Kloster und dessen Mönche, die tanzenden Derwische, und war lange Hauptstadt der Seldschuken, der Vorgänger der Osmanen. Das antike Kappadokien mit seiner faszinierenden Tuffsteinlandschaft – unweit von Kayseri gelegen – ist nicht nur landschaftlich beeindruckend. Dort liegt eine der ältesten Siedlungen der Christen. Der Berg Erciyes, immerhin 3.917 Meter hoch, dessen jetzt ruhender Vulkan diese Landschaft formte und auf dessen Gipfeln auch im Hochsommer Schnee liegt, dominiert die Region. Beide Städte warten aber außer mit ihrer Historie noch mit weiteren Faktoren auf, auf deren Grundlage sich eine florierende Wirtschaft entwickeln konnte.

Hauptstadt des türkischen Mittelstands
Konya ist mit gut zwei Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt der Türkei. Die gleichnamige Provinz ist die flächenmäßig größte der Türkei. An den vier Universitäten der Stadt studieren gut 100.000 Studenten. Jedes Jahr besuchen circa zwei Millionen Touristen die Stadt. Die Provinz Konya ist Zentrum der Landwirtschaft und Kornkammer des Landes. Der bedeutende Mittelmeerhafen Mersin, südlich von Adana gelegen, ist nur drei Autostunden entfernt. Ankara ist mit dem Zug in unter zwei Stunden erreichbar. Istanbul wird mehrmals täglich angeflogen. Das Technologiecenter von Konya steht nach der Zahl der Firmen an dritter Stelle im Land.

Die Land- und Viehwirtschaft profitiert von der Dauer und Intensität der Sonneneinstrahlung, die jeweils über dem Durchschnitt des Landes liegen. Türkeiweit steht Konya im Bereich Weizen-, Zuckerrüben- und Eier-Produktion an erster und bei Gerste, Rind- und Schafwirtschaft an zweiter Stelle. Die natürlichen Gegebenheiten in Hinblick auf die überdurchschnittliche Sonneneinstrahlung, niedrige Luftfeuchtigkeit und weiten Ebenen bilden aber auch ein ideales Umfeld für die Gewinnung von Sonnenenergie.

Zwischen Konya und Kayseri baut Mercedes Nutzfahrzeuge © Daimler
Zwischen Konya und Kayseri baut Mercedes Nutzfahrzeuge © Daimler

Bedeutende Branchen sind überdies die Automobilzulieferindustrie, die Gießerei, der Maschinen- und Landmaschinenbau, die Lebensmittel-, die Schuh-, Kunststoff- und Verpackungsindustrie und der Energiesektor. Wegen der stark mittelständisch geprägten Wirtschaft nennt man Konya auch Hauptstadt des Mittelstands. Unter den 500 nach Umsatz größten Unternehmen der Türkei befinden sich in Konya die türkeiweit größte Zuckerraffinerie Konya Şeker, der einzige Aluminiumproduzent der Türkei, Eti Alüminyum, der Bauzubehörhersteller Pakpen, der Zementproduzent Konya Çimento, der zu 79 Prozent der französischen VICAT Gruppe gehört, und der Motoren- und Landmaschinenproduzent Tümosan. Die gut 1.250 exportierenden Firmen erzielen ein Exportvolumen von etwa 1,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Zentrum der Möbelindustrie
Kayseri mit seinen gut 1,25 Millionen Einwohnern blickt auf eine etwa 5.000 Jahre alte Geschichte zurück. An der alten Seidenstraße gelegen, war die Region schon immer auf Gewerbe und Handel ausgerichtet. Kayseri liegt jeweils etwa 300 Kilometer von Konya und Ankara entfernt. Der internationale Flughafen wird von verschiedenen deutschen Städten direkt angeflogen. Über Istanbul sind fast alle internationalen Ziele erreichbar. Die Handels- und Handwerkstradition schuf die Grundlage dafür, dass die Region sich zum Industriezentrum entwickeln konnte. Das Außenhandelsvolumen der Region beträgt heute rund drei Milliarden US-Dollar, das Exportvolumen liegt bei etwa der Hälfte.

Bedeutende Branchen sind die Möbel-, Metall-, Textil- und Bauzulieferindustrie. Daneben sind der Maschinenbau, die chemische Industrie, die Lebensmittel-, die Haushaltsgeräteindustrie und die Kabel- und Drahtherstellung in Kayseri von Bedeutung. Die bedeutendsten türkischen Vertreter dieser Branchen haben in Kayseri ihren Sitz. Regional und teilweise überregional bedeutende Marken aus den Bereichen Möbel, Kabel, Lebensmittel, Textilien und Haushaltsgeräte kommen aus Kayseri.

Zu den großen Unternehmen gehören zahlreiche Firmen der in den 1950er Jahren gegründeten Boydak-Holding, darunter einer der größten Kabelhersteller der Welt, Hes Kablo, die Möbelhersteller und Händler Boytaş, Merkez Çelik und İstikbal, der Heimtextilienhersteller Boyteks und der Metallverarbeiter Boyçelik. Daneben sind als bedeutende Firmen die Zuckerraffinerie von Kayseri Şeker, der Jeansproduzent Orta Anadolu Tic. ve San. İşl. T.A.Ş., der Stahlseil- und Kabelproduzent Has Çelik ve Halat und der Haushalts- und Telekommunikationsgerätehersteller Kumtel zu nennen.

Deutsche Präsenz in der Zentraltürkei
Auch deutsche Unternehmen haben sich in der Zentraltürkei angesiedelt: Mercedes-Benz betreibt seit Mitte der 1980er Jahre ein Nutzfahrzeugwerk in der zwischen Konya und Kayseri gelegenen Provinz Aksaray. Der deutsche Automobilzulieferer Mahle hat in den letzten Jahren den türkischen Motorenteilehersteller Mopisan aus Konya zunächst teilweise und dann ganz übernommen. In Kayseri hat der deutsche Energiekonzern EWE vor einigen Jahren Anteile am örtlichen Gasversorgungsnetz erworben.

Kayseri und Konya bieten ein großes Potenzial für einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. Bereits heute sind hier sehr erfolgreiche wettbewerbsfähige Zulieferer von Vor- und Zwischenprodukten zu finden. Der zunehmende Kostendruck vor allem in der Marmara-Region – bedingt durch den schnell gestiegenen Lebensstandard dort –, die immens hohen Grundstückspreise und die wachsenden Verkehrsprobleme werden die Wettbewerbsvorteile der zentralanatolischen Provinzen Kayseri und Konya weiter herausstellen.

Der Autor Nikolaus Bemberg ist in der Türkei aufgewachsen. Er ist selbständiger Unternehmensberater in München und unterstützt seit vielen Jahren deutsche Unternehmen beim Markteintritt in der Türkei.

Die beiden vor einigen Jahren gegründeten Wirtschaftsförderagenturen befassen sich mit der Weiterentwicklung der Regionen. Sie sind Ansprechpartner für Investoren und koordinieren die Interessen der verschiedenen Institutionen.

Middle Anatolia Developement Agency
Zuständig für die Provinzen Kayseri, Sivas, Yozgat
Telefon +90 352 352 6726
info@oran.org.tr
www.oran.org.tr
Mevlana Development Agency
Zuständig für die Provinzen Konya und Karaman
Tel: 0332 236 32 90
bilgi@mevka.org.tr
www.mevka.org.tr

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West-Contact 10/2012 – Special: Türkei.

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