Aufziehende Wolken – Euro-Krise zeigt Wirkung

Wolken ziehen auf am Himmel über Taiwan. © CC/pt
Wolken ziehen auf am Himmel über Taiwan. © CC/pt

Von der Aufbruchstimmung, die nach den Präsidentenwahlen Anfang des Jahres in Taiwan zu spüren war, ist nur noch wenig geblieben. Grund dafür ist weniger die Politik des Präsidenten, sondern vielmehr die Tatsache, dass die europäische Krise in Taiwan angekommen ist. Vor allem die Exportwirtschaft hat darunter zu leiden. Nachdem die Exporte 2010 im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent zulegen konnten und 2011 um 12,2 Prozent gestiegen sind, sieht es nicht danach aus, dass zum Jahresende wieder ein Plus in den Büchern stehen wird. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind die Ausfuhren im Jahresvergleich um 5,6 Prozent zurückgegangen. Der Vizepräsident des Commerce Development Research Institute in Taipei, Huang Chin-tan, hat dafür eine eindeutige Erklärung: Etwa 40 Prozent der taiwanischen Lieferungen gehen auf das chinesische Festland. Komponenten für die dort produzierenden Elektronikfirmen Taiwans sind das vor allem. Diese bekommen die aufgrund der europäischen Schuldenkrise nachlassende Nachfrage deutlich zu spüren. Weniger Exporte nach Europa bedeuten auch weniger Lieferungen von Taiwan nach China.

Talsohle durchschritten
Das hat unmittelbare Folgen für das Wirtschaftswachstum auf der Insel. Immerhin trägt die Exportwirtschaft mit rund 20 Prozent zum BIP bei. Die jüngsten Prognosen des taiwanischen Statistikbüros gehen daher davon aus, dass in diesem Jahr das BIP um lediglich 1,66 Prozent steigen wird. Nach einem Plus von vier Prozent im vergangenen Jahr waren für dieses Jahr ursprünglich drei Prozent vorausgesagt worden. Auf den Einwurf, dass 1,66 Prozent aus europäischer Sicht gar nicht so schlecht seien, sagt Huang ganz entschieden: „Für Taiwan ist das miserabel.” Er ist aber optimistisch, dass im dritten Quartal die Talsohle durchschritten sein wird und im vierten Quartal wieder ein Zuwachs von drei Prozent erreicht werden könnte. Huang setzt dabei vor allem auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft in Europa und Amerika, von dem wie in den vergangenen Jahren vor allem die Elektronikindustrie profitieren dürfte. Damit geht er mit den Experteneinschätzungen nach der in Berlin gerade zu Ende gegangenen Internationalen Funkausstellung, auf der Taiwan wieder zu den größten Ausstellern gehörte, konform. Die Unternehmen der Branche zeigten sich am Schlusstag der Messe optimistisch, dass die Verkäufe zum Jahresende wieder an Fahrt gewinnen werden.

Mehr Sicherheit für Investoren
Sich allein darauf zu verlassen, wäre laut Huang zu wenig. Er wiederholt das, was viele Ökonomen der Insel seit Langem fordern: Die Wirtschaft dürfe nicht nur auf das chinesische Festland schielen, auch wenn sich mit dem Anfang des vergangenen Jahres in Kraft getretenen Abkommen über engere wirtschaftliche Kooperation zwischen Taiwan und China – ECFA – die Bedingungen für die Zusammenarbeit an der Taiwan-Straße
deutlich verbessert haben. Huang meint, dass die Vorteile, die das Abkommen bietet, die Nachteile überwiegen. Mit dem jüngst vereinbarten Investitionsschutzabkommen hätten Investoren mehr Sicherheit. Auch ausländische Firmen sollten diese Möglichkeiten noch stärker nutzen und durch Partnerschaften mit taiwanischen Unternehmen den festlandchinesischen Markt erschließen. Die Japaner machten es vor. Sie nutzten in jüngster Zeit Taiwan verstärkt als Brücke nach China, vor allem in Branchen, die auf dem Festland für ausländische Investoren noch schwer zugänglich sind. Ob jedoch der Wunsch der Insel, zu einer asiatisch-pazifischen Drehscheibe zu werden, realistisch ist, daran scheiden sich die Geister. Für Unternehmen wie ThyssenKrupp ist es wichtig in Taiwan zu sein, weil in den Zentralen der taiwanischen Konzerne die wichtigen Entscheidungen fallen, auch wenn sie zum großen Teil längst nicht mehr auf der Insel produzieren. Die Nähe zu den Entscheidungsträgern ist das Ausschlaggebende.
Auch wenn in der gerade veröffentlichten Umfrage des Deutschen Wirtschaftsbüros zum Geschäftsklima in Taiwan sechs Prozent der Unternehmen angaben, für sie sei es vorstellbar, das regionale Headquarter in Taiwan anzusiedeln, überwiegt die Auffassung, dass der „Zug dafür abgefahren” sei. ECFA sei zu spät gekommen,
jedenfalls aus der Sicht eines Logistikunternehmens und insbesondere der Seefracht. In der Region gebe es schon so viele Hubs. Lücken seien kaum zu schließen.

Taiwans Wirtschaft in Zahlen (in Mrd. US$ – Veränderung in Prozent)
Taiwans Wirtschaft in Zahlen (in Mrd. US$ – Veränderung in Prozent)

Neue Akzente setzen
Huang Chin-tan scheint dies im Inneren seines Herzens ähnlich zu sehen und betont die Notwendigkeit einer stärkeren Diversifizierung. Davon spricht auch der Geschäftsführer der taiwanischen Niederlassung der Schenker (H.K.) Ltd., Schnell Jeng. Langfristig reiche es nicht aus, sich nur auf den chinesischen Markt zu konzentrieren. Vielmehr müsse der innerasiatische Handel intensiviert werden.
Laut Huang sei Diversifizierung in erster Linie für das Rückgrat der taiwanischen Wirtschaft, die Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche, wichtig. Auch er sagt, die Märkte in der asiatisch-pazifischen Region müssten noch stärker in den Blickpunkt gerückt werden. Zum anderen sollten die taiwanischen Hersteller aus dem aktuellen chinesischen Fünfjahresprogramm der wirtschaftlichen Entwicklung bis zum Jahr 2015 die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen: Ein Kernpunkt des Programms ist die Ankurbelung des Konsums, und Huang sieht den Bedarf an hochwertigen Elektronikgütern in China bei Weitem noch nicht gedeckt, vor allem in den zentral- und westchinesischen Regionen. Drei Viertel der taiwanischen Elektronik-Lieferungen auf das chinesische Festland sind Business-to-Business-Geschäfte, so der Institutsdirektor. „Das Potenzial liegt aber bei Business-to-Consumer-Lieferungen.” Diese seien im ersten Halbjahr zwar um zwei Prozent gestiegen. „Eindeutig zu wenig”, konstatiert er.

Konsum ist Triebkraft des Wachstums
Konsum ist auch in Taiwan selbst ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Mit einem Anteil von fast 60 Prozent ist er die wichtigste Triebkraft des wirtschaftlichen Wachstums. Anders als auf dem chinesischen Festland oder in Hongkong reagieren die Taiwaner jedoch sehr sensibel auf Krisen. Wenn HTC, das Flaggschiff der taiwanischen Mobilfunksparte, Hunderte Arbeitsplätze abbaut, sind das klare Signale, auf die die Bevölkerung mit weniger Konsum reagiert. Legten die privaten Ausgaben im vergangenen Jahr gegenüber 2010 noch um fast drei Prozent zu, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres nur noch 1,58 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011. Das haben beispielsweise auch die deutschen Autofirmen zu spüren bekommen, die, anders als noch zu Jahresbeginn vorhergesagt, Verkaufsrückgänge hinnehmen müssen: Bei BMW um die sieben Prozent, bei Mercedes um gut vier Prozent und bei Audi um etwa eineinhalb Prozent.
Um den Konsum anzukurbeln, setzen die Taiwaner daher auf zahlungskräftige chinesische Touristen, die mit 1,7 Millionen im vergangenen Jahr die Japaner (1,3 Millionen) vom Spitzenplatz verdrängt haben. Investitionen in die touristische Infrastruktur sollen nicht nur die Voraussetzungen schaffen, dass mehr Besucher empfangen werden können, sondern auch dem Wirtschaftswachstum neue Impulse verleihen. Allein 2011 wurde die Zahl der Hotelbetten verdoppelt.

Gute Chancen im Dienstleistungsbereich
Der Binnenkonsum gewinnt auch aus der Sicht von Schenker mehr und mehr an Bedeutung. Schnell Jeng sagt, die Geschäftsentwicklung seines Unternehmens folge dem allgemeinen Trend im taiwanischen Außenhandel. „Nur mit Transport ist auf lange Sicht kein Wachstum zu erzielen.” Künftiges Potenzial sieht der Manager vor allem in der innertaiwanischen Logistik – effiziente Lagerhaltung und zielgerechter Vertrieb.
Damit stimmt er mit Huang Chin-tan überein, der zudem auf eine intensivere Entwicklung neuer Branchen wie Biotechnologie setzt und die Stärkung von Forschung und Entwicklung sowie des Dienstleistungssektors fordert. Letzterer sei zu wenig international ausgerichtet, meint er. Dem pflichten deutsche Logistikunternehmer auf der Insel bei. Sie sagen, dass für Taiwan im Dienstleistungsbereich im regionalen Vergleich gute Chancen bestehen. In die Branche müsse jedoch mehr investiert werden, und sie müsse vor allem flexibler werden.
Die Chancen stehen gut, dass Taiwans Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Trotz Rückgangs im deutsch-taiwanischen Handel um etwa 20 Prozent im ersten Halbjahr 2012 „sind die deutschen Unternehmen in Taiwan optimistisch und wollen weiter investieren”, so Roland Wein, Direktor des Deutschen Wirtschaftsbüros in Taipei. pt

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 10/2012 sowie im Extra TaiwanContact 02/2012.