Trockenzeit für Kapitalströme in Russland

Die Zentralbank rechnet für 2012 nicht mehr mit großen Kapitalabflüssen © cbr.ru
Die Zentralbank rechnet für 2012 nicht mehr mit großen Kapitalabflüssen © cbr.ru

MOSKAU. Ausländische Investoren zeigten sich im ersten Quartal in Russland sehr zurückhaltend. Nach der jüngsten Statistik der Zentralbank investierten sie zwischen Januar und März gerade einmal 28 Milliarden US-Dollar. Im Vorjahresquartal waren noch 59,2 Milliarden US-Dollar nach Russland geflossen, also etwa 53 Prozent mehr.
Mehr als ein Fünftel dieses Geldes ging in den Bereich Groß- und Einzelhandel. Die Bedeutung dieses Bereiches für Ausländer ist deutlich gestiegen. Dafür musste der Finanzsektor enorme Einbußen hinnehmen. Statt 31 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2011 entfielen in diesem Jahr nur 4,4 Milliarden auf Finanz- und Versicherungsaktivitäten. Die Zuflüsse in der Bauwirtschaft blieben mit 5,4 Milliarden US-Dollar auf Vorjahresniveau. Im Bereich Bergbau/Rohstoffe sind die Investitionen sogar von 2,4 Milliarden auf 3,9 Milliarden US-Dollar gestiegen.

So wie die Zuflüsse sich verkleinert haben, sind auch die Abflüsse ausländischen Kapitals im ersten Quartal zurückgegangen: um fast zwei Drittel von 43,4 Milliarden im Vorjahr auf 15,4 Milliarden US-Dollar 2012. Der Vizechef der Zentralbank, Alexej Uljukajew, sagte Ende Juli, er rechne damit, dass die Kapitalabwanderung auf das Gesamtjahr gesehen bei etwa 40 Milliarden US-Dollar liegen werde. Bereits im zweiten Quartal sei eine Verlangsamung des Kapitalabflusses zu beobachten. Zentralbankdirektor Sergej Ignatjew hatte dagegen im Mai erklärt, der Kapitalabfluss habe in den ersten vier Monaten dieses Jahres bereits bei 42 Milliarden US-Dollar gelegen.

Wie sich die Kapitalströme wirklich verhalten, ist im Allgemeinen und im Besonderen in Russland nur schwer nachzuvollziehen. Unklar bleibt oft, welche Art der Investitionen unter der Größe „Foreign Direct Investment“ zusammengerechnet werden. Sicherer Bestandteil sind Investitionen in Anlagen und Produktionsstätten, aber auch Handelskredite, Leasingsummen oder Ausgaben für russische Aktien können berücksichtigt werden. Die entstehenden Werte unterscheiden sich zum Teil beträchtlich. So schreibt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) Russland für das Jahr 2011 ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 46,6 Milliarden US-Dollar zu, während die russische Zentralbank nach Verrechnung der Zu- und Abflüsse auf 56,3 Milliarden US-Dollar ausländisches Kapital kommt.

Die Darstellung verzerrt zudem ein in Russland besonders häufig auftretendes Phänomen: der Round-Tripping-Effekt. Dabei wird heimisches Kapital aus steuerlichen Gründen ins Ausland und wieder zurückgeschafft. Nach Schätzung der WIIW-Experten unternehmen etwa zwei Drittel der russischen Kapitalströme diese Reise. Die aktuellen Zahlen der Zentralbank geben keinen Aufschluss über die Herkunft des nach Russland geflossenen Geldes. Beim Blick auf die Ursprungsländer der akkumulierten Direktinvestitionen, die die Statistikbehörde Rosstat für das erste Quartal 2012 veröffentlichte, steht Zypern aber auf dem ersten Platz. Mehr als ein Viertel des Gesamtwertes stammt aus der Steueroase im Mittelmeer. Ein Zehntel des Geldes kommt aus Luxemburg, das sich als Land für „geparktes Kapital“ einen Namen gemacht hat. Deutschland rangiert nach China auf Platz fünf der Top-Investorenländer. awa