Westbengalen: Das schwierige Erbe Indiens

Kolkata, die Hauptstadt Westbengalens, gilt als Armenhaus Indiens © OWC
Kolkata, die Hauptstadt Westbengalens, gilt als Armenhaus Indiens © OWC

Die wirtschaftliche Entwicklung Westbengalens kommt im Vergleich zu den boomenden Bundesstaaten Indiens nur langsam voran. Der im Osten des Landes gelegene Bundesstaat Westbengalen hat bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung noch enormen Aufholbedarf. Die Stadt Kolkata, einst Sitze der Kolonialregierung, leidet noch immer unter dem Entzug der Hauptstadtfunktion. Auch die Abspaltung Bangladeschs macht dem Bundesstaat zu schaffen. Landwirtschaft und traditionelle Branchen bestimmen die wirtschaftliche Struktur, gefördert werden soll nun aber auch der IT-Sektor.

Die Hauptstadt Westbengalens ist Kalkutta, das 2001 in Kolkata umbenannt wurde. Kolkata ist mit rund 4,5 Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt Indiens und gleichzeitig die einzige indische Megacity, deren Einwohnerzahl trotz des indischen Wirtschaftswachstums rückläufig ist. Die Landessprache in Westbengalen ist das indo-arische Bengalisch, das auch Amtssprache des angrenzenden Bangladesch ist.

Nachdem die East India Company sich 1690 in der Region des heutigen Kolkata niederließ, wurde die Stadt bald zur führenden Handels- und Kulturmetropole des Landes. Zwischen 1779 bis 1911 war sie Hauptstadt der britischen Kolonialregierung und nach London die zweitgrößte Stadt des Commonwealth. Ihr Reichtum gründete sich auf den Handel mit Textilien, Indigo, Gewürzen und vor allem Opium, das von hier aus nach China exportiert wurde. Kolkata besitzt mit dem Yuva Bharati Krirangan das nach Pjöngjang zweitgrößte Stadion der Welt, in dem Oliver Kahn im Rahmen der Indien-Tournee des FC Bayern München 2008 sein Abschiedsspiel bestritt.

Westbengalen kämpft mit seiner Vergangenheit, hat jedoch enormes wirtschaftliches Aufholpotenzial © C. B. Friedmann
Westbengalen kämpft mit seiner Vergangenheit, hat jedoch enormes wirtschaftliches Aufholpotenzial © C. B. Friedmann

Wirtschaftlicher Niedergang
Mit der Verlagerung der Hauptstadt Indiens nach New Delhi 1911 begann der wirtschaftliche Niedergang der Stadt. Die in Westbengalen ansässigen Unternehmen der Montanindustrie büßten durch die Vereinheitlichung der Verkaufspreise von Kohle und Stahl unabhängig von der Transportentfernung ihre Standortvorteile ein, die auf der Nähe zu den Kohlevorkommen im Gebiet des Damodar beruhte.

Verheerend wirkte sich auch die Abspaltung Bangladeschs aus, durch die Westbengalen einen Großteil seines Hinterlands verlor und der Zugang zu den nordöstlichen Bundesstaaten erheblich erschwert wurde. Die Folgen waren ein starker Rückgang des über den Hafen von Kolkata abgewickelten Warenumschlags sowie hunderttausende Flüchtlinge, die die ohnehin großen sozialen Probleme weiter verschärften. Auch aus den angrenzenden Bundesstaaten Orissa und Bihar, die zu den mit Abstand ärmsten Regionen Indiens zählen, gibt es einen großen Zustrom von armen und unqualifizierten Arbeitskräften.

Kolkata ist wie kaum eine andere Stadt der Welt Inbegriff von Armut und Trostlosigkeit. Zwei Drittel der Bewohner leben in Slums, in denen es an einer ausreichenden Wasserversorgung und Kanalisation mangelt. Dennoch gilt Kolkata noch heute, neben dem politikorientierten Delhi und dem wirtschaftlich ausgerichteten Mumbai, als die Hauptstadt der Intellektuellen und Künstler.

Administrative Herausforderungen
In dem Ease of Doing Business Report der Weltbank belegt Westbengalen den letzten Rang. Grund hierfür sind die großen Schwierigkeiten bei der Durchsetzung von Verträgen und bei der Schließung von Unternehmen. Hinzu kommen administrative Herausforderungen im Umgang mit Behörden. Die schwierigen Bedingungen spiegeln sich im Umfang der Auslandsinvestitionen wider, die zwischen 2010 und 2012 lediglich ein Prozent aller ausländischen Investitionen Indiens betrugen. Die erfolgreichen Unternehmen in Westbengalen sind überwiegend Konzerne mit langjähriger Erfahrung im indischen Markt wie beispielsweise Tata Global Beverages oder Bata India Ltd.

Landwirtschaft dominiert
Zudem dominieren in Westbengalen weiterhin die traditionellen Branchen. Im landwirtschaftlichen Sektor, in dem die Mehrheit der Bevölkerung arbeitet, werden 18,7 Prozent des BIP Westbengalens erwirtschaftet. Der Wille zur wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich an der wachsenden Zahl von Sonderwirtschaftszonen, insbesondere in der IT- und IT-Service-Branche. Den größten Anteil an Exportprodukten haben aber immer noch Lederwaren, gefolgt von landwirtschaftlichen Produkten.

Straßenszenen aus der Hauptstadt Kolkata © C. B. Friedmann
Straßenszenen aus der Hauptstadt Kolkata © C. B. Friedmann

Zwischen 1977 und 2011 hat die Linksfront unter Führung der Communist Party of India (Marxist) (CPI(M)) ununterbrochen in Westbengalen regiert, die sich seit 1991 verstärkt darum bemüht hat, die Infrastruktur zu verbessern und zukunftsträchtige Industriezweige wie IT-Dienstleister in Westbengalen anzusiedeln. Der Rückzug von Tata Motors und die Verlagerung des Werks für die Produktion des Nano nach Gujarat (siehe Indien Contact 5/2011) zeigen, wie groß der Einfluss armer Bauern, der Gewerkschaften sowie der maoistisch geprägten Naxaliten ist, die sich häufig gegen die Modernisierung der weitgehend landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft Westbengalens bewaffnet zur Wehr setzen.

Neue Regierung, neue Hoffnung
Seit den Wahlen im Bundesstaat 2011 ist die All India Trinamool Congress unter Führung der Politikerin Mamata Banerjee, die 2012 vom Time Magazine als einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt bezeichnet wurde, die regierende Partei. Damit wurde die kommunistische Regierung nach 34 Jahren abgelöst. Ob sich die hiermit verbundenen Hoffnungen auf wirtschaftliche und soziale Verbesserungen erfüllen, muss angesichts des autoritären Führungsstils von Mamata Banerjee zunächst einmal abgewartet werden.

Von Carina B. Friedmann und Dirk Holtbrügge. Dieser Beitrag ist erschienen in IndienContact 04/2012.