Lwiw – das Tor zum Osten

Lwiw liegt an der Grenze zu Polen in der Westukraine © OWC
Lwiw liegt an der Grenze zu Polen © OWC

Die Nähe zur EU, günstige Arbeitskräfte und die Möglichkeiten der Lohnveredelung – das sind die Standortvorteile, mit denen die Westukraine ausländische Investoren insbesondere aus der Leicht- und Zulieferindustrie anlockt. Stadt und Region bemühen sich in Kooperation mit westlichen Beratungsunternehmen auch um die Verbesserung der Infrastruktur. Doch die Musik wird in Kiew gemacht – nicht gerade zum Nutzen des westlichen Landesteils. Einige deutsche Unternehmen lassen sich dadurch nicht verschrecken und trotzen den Widrigkeiten.

Jeden Morgen um zehn kommt in Neshuchiw bei Stryj rund 80 Kilometer südlich der westukrainischen Metropole Lwiw eine deutschsprachige Runde zusammen. Dann versammeln sich die Abteilungsleiter des Bordnetzherstellers Leoni Wiring Systems UA, einer Tochter des Nürnberger Automobilzulieferers Leoni, zur „Morgenstehung“, um tagesaktuelle Anliegen und Probleme zu besprechen. Die Treffen im Stehen seien effizienter und schneller als Sitzungen, meint Werner Geillinger, seit gut zehn Jahren Geschäftsführer des ukrainischen Leoni-Ablegers. Hier in der westukrainischen Provinz gibt es im Verwaltungsbereich viele deutschsprachige Mitarbeiter. „Im Westen des Landes ist Deutsch sehr verbreitet“, sagt Geillinger: „Viele Frauen waren als Au Pair in Deutschland. Ursprünglich waren mehr Expatriates geplant. Aber wir haben gemerkt, dass es hier gute Leute gibt.“

Die geografische Nähe zum Westen und die Verfügbarkeit günstiger Arbeitskräfte – vor allem diese Faktoren sind es, die den Standort Westukraine attraktiv machen. Insbesondere arbeitsintensive Unternehmen aus der Leicht- und Zulieferindustrie haben sich hier angesiedelt und produzieren häufig im Rahmen des Lohnveredelungsregimes, das die zollfreie Einfuhr von Vorprodukten für die Produktion von Exportgütern ermöglicht. So sind einige deutsche Unternehmen wie Leoni oder Kromberg & Schubert in Luzk in der Kabelkonfektionierung tätig. Daneben gibt es zahlreiche skandinavische Unternehmen in der Textil- und Holzverarbeitung, aber auch in der Landwirtschaft. Die Ansiedlung ausländischer Unternehmen hat dazu beigetragen, den industriellen Niedergang der Westukraine aufzuhalten, die in sowjetischer Zeit vor allem durch Elektronik, Rüstung, Maschinen- und Fahrzeugbau geprägt war.

Beim Automobilzulieferer Leoni arbeiten hauptsächlich Frauen © OWC
Beim Automobilzulieferer Leoni arbeiten hauptsächlich Frauen © OWC

Pionier unter den Investoren
Leoni-Chef Geillinger ist einer der Pioniere unter den deutschen Investoren in der Westukraine. Nachdem Leoni 2001 zwei neue Großaufträge von Mercedes-Benz und General Motors erhalten hatte, entschieden sich die Nürnberger, eine Produktionsstätte in der Ukraine zu errichten. Die gute logistische Anbindung – Stryj liegt nur 120 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt und direkt an der Fernstraße Kiew-Budapest – und das Arbeitskräftepotenzial gaben den Ausschlag für die westukrainische Gemeinde. Dazu kam die Nähe zu Lwiw mit seinen diversen Hochschulen, die die Verfügbarkeit von potenziellen Fach- und Führungskräften versprach.

Im Sommer 2002 nahm Leoni mit 250 Mitarbeitern die Produktion auf. Heute, zehn Jahre später beschäftigt Leoni Wiring Systems, das Kabelsätze für GM und VW produziert, mehr als 6.000 Mitarbeiter und plant den Bau einer zweiten Fertigungsstätte in Brody östlich von Lwiw, denn am Standort Stryj ist das Arbeitskräftepotenzial ausgeschöpft. „Wir haben es uns schwieriger vorgestellt“, sagt Geillinger, der vor allem mit seinen Mitarbeitern – in der Mehrzahl Frauen – sehr zufrieden ist. Aufgrund der überwiegend manuellen Fertigung sind die niedrigen Lohnkosten ein klarer Pluspunkt – auch auf mittlere Sicht: „Die Gehaltsschere zwischen Deutschland und der Ukraine geht nicht zu“, sagt Geillinger.
Darüber hinaus nutzt Leoni die Lohnveredelung und hat sogar eine eigene Zollabteilung im Werk. Störungsfrei ist das Zollregime angesichts der instabilen Rahmenbedingungen in der Ukraine nicht. So hat Geillinger beim Zollministerium in Kiew lange darum kämpfen müssen, eine 360-Tage-Frist für die Wiederausfuhr durchzusetzen: „Kleine und mittlere Unternehmen haben bei Weitem nicht die Chancen, die wir haben“, räumt der Leoni-Chef ein.

Vorwiegend Handarbeit
Zu den Kleinen gehört die Firma Plastics Processing & Assembling (PPA), eine Tochter des sächsischen Präzisionsteileherstellers Andreas Quellmalz GmbH, die seit 2008 am Stadtrand von Lwiw in einer kleinen Fertigungshalle Plastik- und Verbundteile wie Kunststoffstecker vorwiegend für Autozulieferer herstellt. 50 Mitarbeiter beschäftigt Projektmanager Thomas Richter in der Ukraine. Auch hier sind Handarbeiten wie die Bestückung von Spritzgießwerkzeugen und Montagetätigkeiten gefragt, daher waren es vor allem die niedrigen Lohnkosten, aber auch die potenziellen Abnehmer in der Westukraine wie die Kabelhersteller, die den Ausschlag für die Werksgründung in der Ukraine gaben.

Die Lohnkostenvorteile werden allerdings zum Teil durch höhere Kosten an anderer Stelle aufgefressen: „Die Materialkosten sind bei der Produktion in der Ukraine wegen Zoll und Transport höher“, sagt Richter. Die Belieferung von Kabelproduzenten in der Westukraine ließ sich zudem schwer realisieren, „weil alle im Rahmen der Lohnveredelung produzieren und kaum lokal beschaffen“, sagt Richter. Auch PPA hat mit der Lohnveredelung begonnen, versucht nun aber, diese durch innerukrainisches Geschäft zu ergänzen. Derzeit gehen noch zwei Drittel der Produktion nach Europa: „Wir versuchen, hier eigene Strukturen aufzubauen und den ukrainischen Markt mit zu entwickeln“, sagt Richter.

Schleifmittelhersteller Klingspor produziert seit einem Jahr in der Region © OWC
Schleifmittelhersteller Klingspor produziert seit einem Jahr in der Region © OWC

Neuankömmling aus Hessen
Zu den deutschen Neuankömmlingen in der Westukraine gehört der hessische Schleifmittelhersteller Klingspor aus Haiger, der durch eine IHK-Veranstaltung auf die Ukraine aufmerksam wurde. Mit 500.000 Euro in der Tasche schickten ihn die Hessen 2008 nach Lwiw, um eine Produktion aufzubauen, erinnert sich Geschäftsführer Roland Kaschny, der zuvor bereits für Henkel in der Ukraine tätig war. Im Juni 2011 nahm Klingspor in Weliky Mosty mit 150 Mitarbeitern die Produktion von Schleifmitteln auf. Für den Standort sprachen vor allem die Nähe zur Polen, wo Klingspor in Bielsko Biała zwei Produktionsstandorte und ein internationales Logistikzentrum unterhält, und das Arbeitskräftereservoir. In der Region nördlich von Lwiw gab es viele Arbeitslose, weil dort die Schächte geschlossen wurden, und wenig Konkurrenz: „Im Süden ist Leoni“, sagt Kaschny.

Der Klingspor-Manager hat ehrgeizige Ziele: „Meine Vision ist es, die Ukraine zum günstigsten Produktionsstandort von Klingspor zu machen.“ Noch hat der Standort aber wegen des zehnprozentigen Einfuhrzollsatzes auf die von Klingspor importierten Halbfertigwaren einen Kostennachteil gegenüber Polen. Das Unternehmen hat sich dennoch bewusst gegen die Lohnveredelung entschieden: „Bei den unsicheren Rahmenbedingungen wollen wir nicht davon abhängig sein“, sagt Kaschny.
Er will zudem den Inlandsmarkt erschließen. Seit 2008 vertreibt Klingspor seine Produkte in der Ukraine über Stützpunkthändler, Distributoren und über die Baumarktkette Epicentr und ist inzwischen Marktführer bei Groß- und Einzelhändlern. Als nächsten Schritt peilt der Manager den Ausbau des B2B-Geschäfts an, etwa die Just-in-time-Belieferung von ukrainischen Holzverarbeitern. Vom Erfolg des Unterfangens ist Klingspor überzeugt: Bis Ende 2012 wird in Weliky Mosty für fünf Millionen Euro eine zweite Werkshalle mit Verwaltung und Schulungszentrum für 300 Mitarbeiter gebaut.

Gute Kontakte nach Deutschland

Für ausländische Investoren gibt es mehrere Anlaufstellen in der Region, wie die regionale Sektion der European Business Association (EBA) oder die Lwiwer IHK. Die Kammer, die von deutschen Fachleuten im Rahmen des CIM-Programms beraten wird und gute Kontakte zu deutschen IHK unter anderem in Leipzig und Mannheim pflegt, sieht sich auch als Interessenvertretung für ausländische Investoren. Unter den 360 Mitgliedern sind immerhin ein Zehntel Unternehmen mit ausländischer Beteiligung.
In der Lwiwer Stadtverwaltung bemüht sich Serhyj Kiral, Leiter der Abteilung für Außenwirtschaftsbeziehungen und Investitionen, mit seinem jungen Team, den Widrigkeiten des ukrainischen Alltags zu trotzen und Investoren anzuwerben. „Deutschland ist eine Top-Priorität für uns“, sagt Kiral. Dabei setzt die Stadt auf die Umsetzung der Lviv Competetiveness Strategy, die mit US-amerikanischer Unterstützung entwickelt und 2010 von der Stadtregierung beschlossen wurde. Darin wurden der IT- und BPO-Sektor sowie der Tourismus als besonders aussichtsreiche Branchen identifiziert.

Schon heute spielt Lwiw als Dienstleistungsstandort eine Rolle. Nestlé und Austrian Airlines unterhalten hier Servicezentren, der US-Softwareentwickler SoftServe sogar seine Europa-Zentrale. Weitere Investoren soll der Office Campus Lwiw anlocken, der gemeinsam mit einem belgischen Investor als PPP-Projekt entwickelt wird. Immerhin gibt es in der westukrainischen Hauptstadt mit ihren fast 800.000 Einwohnern 49 öffentliche und private Universitäten und Hochschulen mit über 150.000 Studenten. Aber auch die Ansiedlung weiterer Industrieunternehmen soll gefördert werden, etwa in einem neuen Industriepark in Rjasne, ebenfalls ein PPP-Projekt mit einem privaten Partner. Beide Projekte sollen den Mangel an A-Klasse-Immobilien in Lwiw lindern.
Auch wenn vieles noch im Planungsstadium ist, Vorschusslorbeeren gab es schon: Im Ranking „European Cities and Regions of the Future 2012/2013“ des britischen FDI Magazins bekam Lwiw unlängst den vierten Platz für die beste FDI-Strategie in Osteuropa nach Katowice, Kraków und Lublin.

Um die Entwicklung des Tourismus kümmert sich Nadya Radionenko, die das Zentrum für Tourismusentwicklung der Stadtverwaltung leitet. Die mittelalterliche Altstadt gehört seit 1998 immerhin zum UNESCO-Weltkulturerbe. Als Zielmärkte für die Touristenwerbung hat die Stadt neben der Ukraine, Polen, Russland und Belarus Deutschland im Visier. Die Fußball-Europameisterschaft EURO 2012, bei der Lwiw einer der Austragungsorte war, sollte der Stadt größere Popularität verschaffen. „Aber die Tourismusstrategie hängt nicht von der EURO ab“, sagt Radionenko: „Die EURO ist Marketinginstrument, aber nicht Kern der Strategie.“ Immerhin hat die Vorbereitung darauf dem Ausbau der Infrastruktur einen Schub gegeben. Ein neues Flughafenterminal, Stadion und neue Straßen wurden gebaut, neue Geschäfte, Hotels und Lokale eröffnet.

Lwiws mittelalterliches Stadtzentrum gehört seit 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe © OWC
Lwiws mittelalterliches Stadtzentrum gehört seit 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe © OWC

Unterstützung von deutschen Beratern
Unterstützt wird die Stadt seit 2009 von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die in Lwiw und anderen Städten der Westukraine Projekte in den Bereichen Energieeffizienz, Mobilität und Stadtsanierung betreut. In Lwiw entwickelt die GIZ gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein Konzept zum Altstadterhalt. So gibt es seit zwei Jahren ein Sanierungsprogramm, das die Bewohner der denkmalgeschützten Häuser sowie lokale Handwerker und Baufachleute einbindet.
Die Altstadt und ihre angrenzenden Stadtgebiete wurden über Jahrzehnte nicht saniert. Der schlechte Zustand vieler Gebäude bremst auch die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Vier Millionen Euro hat das BMZ für das Projekt zur Verfügung gestellt. „Doch es hängt nicht nur am Geld“, sagt Projektleiterin Iris Gleichmann: „Wichtiger ist die Schaffung eines Bewusstseins für den Stadterhalt.“

Als einziges privates deutsches Beratungsunternehmen ist seit 2008 die Dresdner Dreberis mit einer Tochtergesellschaft in Lwiw präsent. Geschäftsführer Volodymyr Motyl und sein Team führen Projekte etwa für die KfW und die EBRD in den Bereichen Verkehr, Infrastruktur, Wasserwirtschaft und außenwirtschaftliche Beratung durch und versuchen dabei, Erfahrungen aus Ost-Deutschland zu übertragen. Nicht immer ist die Umsetzung der Beratung von Erfolg gekrönt. „Projekte werden oft nicht umgesetzt oder dauern sehr lange, zum Beispiel die Anschaffung von Straßenbahnen“, sagt Motyl. Aber es gibt auch Erfolge: So konnte im Rahmen eines Weltbank-Projekts die Verbesserung der Wasserversorgung durch neue Pumpen und Leitungen erreicht werden: „Es gibt inzwischen in allen Stadtteilen rund um die Uhr Wasser“, sagt Motyl.

Musik wird in Kiew gemacht
So sehr sich Stadt, Region und Kammer auch strecken mögen, am schwierigen unternehmerischen Umfeld in der Ukraine können sie wenig ändern. „Die Spielregeln werden in Kiew gemacht“, sagt Kammer-Vize Jurij Pukalskij. In einer aktuellen Umfrage der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Kiew unter deutschen Unternehmen im Land standen die drei Investitionsbremsen Bürokratie, Korruption und mangelnde Rechtssicherheit ganz oben, gefolgt von Problemen mit dem Zoll.
„Die Rahmenbedingungen sind die schwierigsten, die ich kenne“, sagt Klingspor-Manager Kaschny, der schon in Asien und Afrika tätig war. Nirgendwo gebe es so viele Steuerprüfungen und eine solche Willkür bei der Steuergesetzgebung. „Wir haben zwei Anwälte bei Klingspor, einen in der Zentrale in Haiger und einen in der Ukraine“, sagt er. Leoni-Chef Geillinger resümiert: „Es funktioniert hier nichts, wenn Sie kein funktionierendes Netzwerk haben.“

Dennoch wirft niemand die Flinte ins Korn: „Wir wollen zeigen, dass Lwiw anders ist als der Rest der Ukraine“, sagt Serhiy Kiral. Und schließlich hat Lwiw mehr zu bieten als den einen oder anderen wirtschaftlichen Standortvorteil – Lebensqualität in einem historischen Ambiente und ein attraktives Umland unweit der Karpaten. „Viele machen hier Geschäfte, weil sie die Stadt mögen, nicht wegen der Rahmenbedingungen“, sagt Dreberis-Mann Motyl. Werner Geillinger, der im Herbst in den Ruhestand geht, hat sich jedenfalls schon ein zweites Standbein geschaffen, um in der Region aktiv bleiben zu können. Der Leoni-Manager betreibt in der Lwiwer Altstadt ein Antiquitätengeschäft. ch

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West Contact 07/2012 und dem dazugehörigen Ukraine-Special.