Gazprom kommt Europa näher

Gazprom hat sich mit E.ON auf neue Lieferpreise verständigt © Gazprom
Gazprom hat sich mit E.ON auf neue Lieferpreise verständigt © Gazprom

DÜSSELDORF/MOSKAU. Nach langwierigen Verhandlungen haben sich der deutsche Energiekonzern E.ON und die russische Gasholding Gazprom Anfang Juli auf neue Preise für Gaslieferungen nach Deutschland geeinigt. Sie gelten für die bestehenden Verträge rückwirkend bis zum vierten Quartal 2010. Wie genau die neuen Konditionen aussehen, teilten die Unternehmen nicht mit. E.ON gibt jedoch an, dass sich das Halbjahresergebnis des Konzerns dadurch um etwa eine Milliarde Euro verbessern wird. Im Gesamtjahr 2012 soll der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen nun zwischen 10,4 und elf Milliarden Euro liegen – statt wie bisher prognostiziert zwischen 9,6 und 10,2 Milliarden Euro. Das Verhandlungsergebnis führt auch dazu, dass das laufende Schiedsgerichtsverfahren, das E.ON gegen Gazprom führt, eingestellt wird.

Die Tochterfirma E.ON Ruhrgas hatte im vergangenen Jahr 700 Millionen Euro Verlust gemacht, unter anderem weil das russische Gas aus langfristigen Verträgen teurer eingekauft wurde als es an deutsche Stadtwerke weiterverkauft werden konnte. Ungefähr ein Drittel der Gaslieferungen bezieht das Düsseldorfer Unternehmen von Gazprom. Die Verträge reichen bis zum Jahr 2036 und umfassen ein Gesamtvolumen von bis zu 600 Milliarden Kubikmetern Erdgas.
Konkurrent RWE verhandelt ebenfalls seit Monaten über neue Preise mit dem Lieferanten aus Russland. Gazprom rechnet mit einer baldigen Einigung. Aus Essen heißt es, die Vorschläge der russischen Seite blieben im Moment noch hinter dem zurück, was RWE mit anderen Partnern erreichen konnte.

Womöglich wird es bald einen dritten und vierten Strang der Ostseepipeline geben © Gazprom
Womöglich wird es bald einen dritten und vierten Strang der Ostseepipeline geben © Gazprom

Auch die Ukraine muss weiterhin eine hohe Gasrechnung begleichen. Die jüngste Verhandlungsrunde Ende Juni brachte keine Preisrevision. Nach ukrainischen Angaben zahlt das Land im Schnitt 440 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter Erdgas. Laut Gazprom hat der durchschnittliche Lieferpreis 2011 bei 383,38 US-Dollar gelegen. Die Ukraine ist zudem vertraglich verpflichtet, im laufenden Jahr 52 Milliarden Kubikmeter Gas abzunehmen. Gazprom-Chef Alexej Miller trat der Behauptung des ukrainischen Energieministers Jurij Bojko entgegen, der russische Konzern habe eine Reduzierung auf 27 Milliarden Kubikmeter akzeptiert. Für Beobachter ist klar, dass ein Preisnachlass an strategische Zugeständnisse gebunden ist. So will sich Gazprom am ukrainischen Pipelinesystem beteiligen.

Strategie des Konzerns ist es, nicht nur Gas zu liefern, sondern auch im Bereich Rohstofftransport und Absatz in Europa einzusteigen. Ende Juni ist Gazprom diesem Ziel einen Schritt näher gekommen. Mit dem französischen Versorger Electricité de France (EDF) wurde am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg eine grundlegende Kooperationsvereinbarung geschlossen. Gemeinsam will man in Europa neue Gaskraftwerke bauen und alte übernehmen. Gazprom soll exklusiver Lieferant dieser Kraftwerke werden. Konkrete Projekte wurden allerdings noch nicht benannt.
Gazprom hatte zuvor versucht, diesen Schritt nach Europa mit E.ON und RWE zu gehen. Die Verhandlungen mit beiden Unternehmen blieben ohne Ergebnis. Ein erster Vorstoß in Deutschland wurde trotzdem unternommen: Ende 2011 übernahmen die Russen den kleinen hessischen Telefon- und Energiehändler Envacom.

Für Japan soll Gas aus dem Sachalin-2-Projekt (Bild) in eine Flüssigvariante umgewandelt werden © Gazprom
Für Japan soll Gas aus dem Sachalin-2-Projekt (Bild) in eine Flüssigvariante umgewandelt werden © Gazprom

Eine Diversifizierung könnte auch bei den Pipelines bevorstehen. Alexej Miller erklärte Ende Juni in Moskau, dass Gazprom eine Verlängerung der Ostseepipeline erwäge. Der Projektbetreiber Nord Stream AG gehört zu 51 Prozent dem russischen Energiekonzern. Die deutschen Unternehmen Wintershall und E.ON Ruhrgas halten je 15,5 Prozent, der niederländischen Gasunie und dem französischen Unternehmen GDF Suez gehören jeweils neun Prozent der Aktien. Die zwei bestehenden Stränge der Pipeline führen von Russland nach Deutschland. Von den beiden geplanten neuen Leitungen wird vermutlich eine nach Großbritannien führen. Bis Jahresende soll das entschieden werden.

Der Weg gen Osten ist dagegen bereits beschlossen. Angesichts der sinkenden Nachfrage nach Erdgas in Europa orientiert sich Russland mittlerweile verstärkt Richtung China und Japan. Ende Juni teilte der Gouverneur der Region Primorje im Fernen Osten mit, dass die Gebietsadministration sich mit Gazprom auf den Bau eines Gasverflüssigungswerkes verständigt habe. Wie vorherigen Meldungen zu entnehmen war, soll es bei Wladiwostok entstehen und Flüssiggas für die Verschiffung nach Japan herstellen. awa

Dieser Beitrag stammt aus Russland Aktuell 27-28/2012.