Geldprobleme behindern AKW-Ausbau in Osteuropa

Der Ausbau des AKW Kozloduj ist in Bulgarien Alternative zum Neubau Belene © KNPP
In Bulgarien wird aus- statt neugebaut © KNPP

Auch nach der AKW-Katastrophe im japanischen Fukushima setzen viele Länder in Mittel- und Osteuropa weiter auf Kernenergie. Debatten über einen möglichen Ausstieg finden in der breiten Bevölkerung vergleichsweise selten statt. Dennoch ist die Technologie nicht unumstritten – und dies nicht wegen steigender Sicherheitsbedenken, sondern vor allem aufgrund zunehmender
Finanzierungsprobleme. So mussten Bulgarien, Tschechien und Rumänien in jüngster Zeit AKW-Projekte auf Eis legen. Den Einstieg planen unbeirrt die Türkei und Polen. Unweit der deutschen Grenze soll bis 2020 das erste polnische Atomkraftwerk entstehen. Wer nun denkt, Kernenergie verringere die (ost-)europäische Abhängigkeit von Russland, irrt. Als einer der größten AKW-Hersteller der Welt schafft Russland neue Realitäten.

Während in Deutschland und in einigen anderen Ländern Westeuropas die Atomenergie intensiv diskutiert wird oder der Ausstieg bereits beschlossene Sache ist, fallen die Einschätzungen von Warschau bis Ankara anders aus. „Ich sehe keinen Grund, einer medialen Hysterie zu verfallen“, kommentierte der tschechische Ministerpräsident Petr Nečas. Sein polnischer Amtskollege Tusk forderte eine Versachlichung der Debatte – schließlich drohe in Polen kein Tsunami. Der türkische Energieminister Taner Yildiz beklagte im Zuge der Berichterstattung aus Japan eine „Informationsüberflutung“.

Diese und ähnliche Aussagen belegen: Bei vielen Politikern in der Region besitzt die Atomenergie weiterhin einen hohen Stellenwert und gilt als Zukunftstechnologie. In der Diskussion wird dabei gern auf das vergleichsweise niedrige Durchschnittsalter der Reaktoren verwiesen. Nach Berechnungen der World Nuclear Association (WNA) in London sind die Kernkraftwerke in Nordamerika im Schnitt knapp 30 Jahre, in Westeuropa 27 Jahre in Betrieb. In den neuen EU-Ländern liegt die durchschnittliche Laufzeit bei lediglich19 Jahren.

Keine Kursänderung in Polen

Polen verfügt bislang über kein Atomkraftwerk, doch dies soll sich bald ändern. Die Regierung in Warschau plant den Bau zumindest eines AKW bis 2020. Angesichts des steigenden Energiebedarfs herrscht im Parlament Konsens über die Notwendigkeit des Atomeinstiegs. Immer noch wird der Großteil des Stroms in Kohlekraftwerken produziert – „vorsintflutlich“, findet die Regierung in Warschau und will den traditionellen Energiemix grundlegend ändern.

Das erste AKW Polens soll im Norden des Landes entstehen. Mielno in der Nähe von Koszalin war vom Energiekonzern PGE als ein möglicher Standort auserkoren. Bei einer Volksabstimmung sprach sich der Großteil der Bürger jedoch gegen den Bau aus. Das Referendum hat keine rechtliche Wirkung, könnte jedoch dafür sorgen, dass sich PGE nun nach einem anderen Standort umschaut. Als heißer Kandidat gilt Żarnowiec nordwestlich von Gdańsk. Bereits in den 1970er Jahren sollte hier ein AKW gebaut werden. Der Bürgermeister von Żarnowiec ist für den Bau – er hofft auf viele neue Arbeitsplätze.

Bis zu drei AKW sollen in der Türkei entstehen © IAEA
Bis zu drei AKW sollen in der Türkei entstehen © IAEA

2013 kommt der erste türkische Meiler
Neben Polen strebt auch die Türkei den Atomeinstieg an. Die türkische Wirtschaft und damit auch der Energiebedarf entwickeln sich mit hoher Dynamik. Geplant ist der Bau von gleich drei Anlagen. Der Bau des ersten Meilers in Akkuyu an der Südküste soll bereits 2013 abgeschlossen sein, geschätzte Kosten: 16 Milliarden Euro. Kritiker bemängeln jedoch, dass der Standort nur wenige Kilometer von einer seismischen Verwerfung entfernt und die Türkei generell als erdbebengefährdet einzustufen sei. Doch die Regierung lässt sich nicht beirren und hält an ihren ambitionierten Atomplänen fest. Ein zweites Kernkraftwerk soll in Sinop an der Schwarzmeerküste entstehen, ein mögliches drittes auf dem europäischen Kontinent in der Provinz Tekirdağ.

Tschechien sucht Partner
Auch die tschechische Politik spricht sich weiter für den Einsatz der Kernenergie aus. In Tschechien sind derzeit sechs Reaktoren an den Standorten Dukovany und Temelín in Betrieb und produzieren knapp 30 Prozent der landesweiten Stromerzeugung. Tschechien profitiert von der deutschen Energiewende: Nach der Abschaltung der ältesten deutschen Meiler im März 2011 waren die tschechischen Stromexporte nach Deutschland gestiegen. Auf einer Energiekonferenz im Februar dieses Jahres in Berlin versicherte Ministerpräsident Nečas, dass man die deutsche Energiewende respektiere, bat aber zugleich um Verständnis für die eigene Entscheidung, weiter auf Atomkraft zu setzen.

Ursprünglich war der Bau weiterer Reaktoren in Tschechien geplant. Doch nun will man vorerst doch mit den beiden bestehenden Anlagen auskommen. Das AKW in Temelín, rund 60 Kilometer von der bayerischen Landesgrenze entfernt, soll um zwei Blöcke erweitert werden – Baukosten: rund zehn Milliarden Euro, geplante Fertigstellung 2023. Doch wie in anderen Ländern fehlt noch das nötige Geld. Der staatliche Versorger ČEZ schaut sich derzeit nach einem strategischen Partner um. Mehrere Unternehmen hätten ihr Interesse an dem Projekt bereits bekundet, so das ČEZ-Management. RWE gehört jedoch nicht dazu – die Essener erteilten Spekulationen um eine mögliche Beteiligung eine Absage.

Kontrollraum im rumänischen AKW Cernavodă © Nuclearelectrica SA
Kontrollraum im rumänischen AKW Cernavodă © Nuclearelectrica SA

Kerne spalten kostet Geld
An Geld mangelt es auch in Rumänien. Nach den Vorstellungen der Regierung in Bukarest soll das einzige AKW des Landes in Cernavodă von zwei auf vier Reaktoren erweitert werden. Die Kosten hierfür beziffert sie auf vier Milliarden Euro. Im letzten Jahr hatten sich gleich vier Investoren – RWE, die spanische Iberdrola, die französische GDF Suez sowie ČEZ – aus dem Projekt verabschiedet. Daraufhin verkündete die Regierung, dass man sich notfalls auch mit dem Bau eines Reaktors zufriedengeben würde. Finanzierungsnot herrscht auch in Ungarn. Seit Längerem erwägt die Regierung die Erweiterung des AKW Paks durch zwei neue Blöcke. Die Ausschreibungsrunde wurde zunächst auf 2013 verschoben – der ungarische Staatshaushalt ist auch ohne die AKW-Erweiterung ein Problemfall.

Das slowenische Atomkraftwerk in Krško nahe der Grenze zu Kroatien ist dagegen aus sicherheitstechnischen Gründen umstritten. 2008 kam es zu einem größeren Störfall, der Reaktor wurde vorübergehend abgeschaltet. Das in den 1970er Jahren gebaute AKW beliefert sowohl Slowenien als auch Kroatien mit Strom. Bis spätestens 2015 soll über eine Laufzeitverlängerung entschieden werden. Über den Bau eines zweiten Reaktorblocks wird zumindest nachgedacht. Ob sich Kroatien an einer möglichen Erweiterung beteiligt, ist jedoch offen.

South Stream statt Belene
In Bulgarien ist dagegen eine wichtige Entscheidung gefallen. Ende März gab die Regierung in Sofia bekannt, den Bau des AKW Belene nicht zu vollenden. Einer der Hauptgründe für den Verzicht auf das zweite AKW des Landes sind die deutlich gestiegenen Kosten. „Statt der ursprünglich geplanten 6,4 Milliarden Euro liegen wir heute schon bei über zehn Milliarden Euro“, betonte Ministerpräsident Borissow und beendete das bulgarisch-russische Projekt mit einem persönlichen Anruf bei Wladimir Putin. Der Baubeginn des AKW Belene erfolgte bereits 1987, doch die Umsetzung wurde wiederholt durch Klagen und Gegenklagen verzögert. RWE war Ende 2009 wegen der unklaren Finanzierung aus dem Projekt ausgestiegen.

Wirtschaftsminister Deljan Dobrew reiste nach Moskau, um den Vertragspartner Atomstroyexport von der endgültigen Entscheidung zu unterrichten. Der für Belene in Auftrag gegebene Kernreaktor wird dennoch in Bulgarien installiert – allerdings im AKW Kozloduj. Dobrew bestimmte unlängst den bisherigen Vizeminister für Wirtschaft und Energie, Walentin Nikolow, zum neuen AKW-Direktor. Nikolows Aufgabe ist es, die Laufzeit der beiden bestehenden Reaktoren zu verlängern. Die beiden Blöcke sollen zwischen 2017 und 2019 planmäßig abgeschaltet werden. Doch die Regierung möchte nun die Laufzeit um 20 Jahre verlängern.

Mit russischer Technik soll die Laufzeit des AKW Kozloduj um 20 Jahre verlängert werden © KNPP
Mit russischer Technik soll die Laufzeit des AKW Kozloduj um 20 Jahre verlängert werden © KNPP

Statt eines zweiten AKW soll nun ein Gaskraftwerk in Belene gebaut werden. Das russische Erdgaspipelineprojekt South Stream stelle künftig eine energiepolitische Priorität für Bulgarien dar, betont Staatspräsident Plewneliew. Die Gasleitung wird von Russland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien verlaufen. Von dort soll ein Zweig über den Balkan nach Österreich führen, während ein Südstrang über Griechenland durch die Adria nach Italien verlaufen könnte. Die Kopplung des eigenen Gasnetzes an die Leitungen der Nachbarländer Griechenland, Türkei und Rumänien laufe derzeit auf Hochtouren, so Plewneliew. Mit der Inbetriebnahme von South Stream will das Land zu einer wichtigen Drehscheibe für die Gasversorgung Südosteuropas werden.

Russische Kernkompetenz
Russland ist weltweit einer der größten AKW-Hersteller und baut und finanziert nach dem Rückzug westlicher Energieversorger aus der Kernenergie einen Großteil der neuen Reaktoren in Mittel- und Osteuropa. So schlossen im März 2011 die Regierungen in Minsk und Moskau ein Abkommen zum Bau des ersten AKW in Belarus. 2018 sollen die Reaktoren in der Nähe von Grodno an der Grenze zu Litauen anlaufen. Atomstroyexport wird die notwendige Technik liefern. Die Kosten von zehn Milliarden Euro stellt Russland als Darlehen zur Verfügung.

Russland selbst verfolgt ehrgeizige Pläne. Bis 2025 sollen über 20 neue Reaktorblöcke gebaut werden und auf diese Weise wird der Anteil des Atomstroms von knapp 18 auf 25 Prozent steigen. Rosenergoatom, Betreiber der zehn Kernkraftwerke in Russland, gab jüngst bekannt, künftig zusammen mit dem Stromkonzern Inter RAO Atomstrom aus dem russischen AKW Baltiskaja zu exportieren. Zu den potenziellen Absatzmärkten zählt der Konzern unter anderem Litauen und Polen, eventuell auch Deutschland.

Im armenischen Mezamor, rund 30 Kilometer westlich von Jerewan, befindet sich das einzige AKW im Kaukasus. Die Anlage verfügt über zwei Blöcke, von denen derzeit jedoch nur einer in Betrieb ist. Die Anlage gilt als veraltet und unsicher, da sie in einer erdbebengefährdeten Region liegt. Ende 2009 beschloss die Regierung, einen neuen Reaktor zu bauen. Hierfür wurde eigens eine armenisch-russische Gesellschaft gegründet. Der Baubeginn war für Ende 2011 terminiert. Die Vorkommnisse in Japan haben die Atomaufsichtsbehörde dazu bewogen, die Baupläne zu überarbeiten.

Die Internationale Atomenergie-Organisation auf Kontrollgang im litauischen AKW Ignalina © IAEA
Die Internationale Atomenergie-Organisation auf Kontrollgang im litauischen AKW Ignalina © IAEA

Alte und neue Abhängigkeiten
Mit dem Ausbau der Kernenergie wollen einige Länder in der Region ihre Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen verringern. Doch die alte Abhängigkeit wird durch eine neue ersetzt – von russischem Kapital, Technologie und Uran. Das Problem: Es gestaltet sich zunehmend schwieriger, außerhalb Russlands in Europa Investoren zu gewinnen.
Die litauische Regierung ist in Japan fündig geworden. Das AKW Ignalina wurde gemäß EU-Beitrittsvertrag Ende 2009 abgeschaltet. Seitdem finanziert Brüssel den Rückbau der Anlage. Vor wenigen Wochen gab die Regierung in Vilnius grünes Licht für ein Gesetzesvorhaben zum Bau eines neuen AKW in der Stadt Visaginas. Dort soll zwischen 2020 und 2022 eine Anlage mit einer Leistung von 1.300 Megawatt ans Netz gehen. Mit dem AKW schlage sein Land den Weg in Richtung energetische Unabhängigkeit ein, so der litauische Premier Andrius Kubilius. Zuletzt musste Litauen rund zwei Drittel seines Stroms importieren.

Polen sprang im letzten Jahr als Partner des länderübergreifend geplanten Gemeinschaftsprojekts ab. Nach Angaben des litauischen Energieministeriums werden der für die Errichtung zuständige japanische Hitachi-Konzern nach Fertigstellung über 20 Prozent, Litauen über 38 Prozent und die Nachbarstaaten Estland und Lettland über 22 respektive 20 Prozent der Anteile verfügen. Das litauische Parlament muss dem fünf Milliarden Euro teuren Vorhaben noch zustimmen.

Stromüberschuss und Finanzengpass
Experten haben jedoch Zweifel, ob das neue AKW in Litauen wirtschaftlich betrieben werden kann. So veröffentlichte die Ratingagentur Moody‘s Mitte Mai ein Statement, wonach die hohen Kosten die Ratings der beiden Energieversorger Eesti Energia und Latvenergo unter Druck setzen könnten.
Russland plant in Kaliningrad ein eigenes Kernkraftwerk, hinzu kommt die bereits genannte Anlage in Belarus in der Nähe zur litauischen Grenze. Zusammen mit den AKW-Plänen Polens ergibt sich in der Summe eine Strommenge, die den Strombedarf in der Region übersteigt. Hinzu kommen unzureichende Netzkapazitäten sowie Engpässe bei den grenzüberschreitenden Leitungssytemen, die dafür sorgen, dass ein Stromüberschuss in Form von Energieexporten nur bedingt wirtschaftlich nutzbar wäre.

Dies beeinträchtigt naturgemäß die Rentabilität dieser Projekte und erschwert die Suche nach Investoren. Neue AKW-Projekte werden nur dann realisiert, wenn staatliche Unternehmen mit im Boot sitzen. In Zeiten klammer Kassen stellt dies für die Staatshaushalte jedoch ein gravierendes Problem dar. Die genannten Faktoren werden sich tendenziell dämpfend auf die Ausbaupläne der Kernenergie in Mittel- und Osteuropa auswirken. sm

Dieser Beitrag ist erschienen in OWC 06/2012.