Für die Ostbanken verziehen sich die Schatten der Eurokrise

Wie in der Ukraine werben viele Banken mit hohen Zinsen um Einlagen © OWC
Wie in der Ukraine werben viele Banken mit hohen Zinsen um Einlagen © OWC

Die Schuldenkrise im Euroraum macht auch den Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas zu schaffen. Manche Analysten befürchten eine Kreditklemme im Osten, wenn klamme westeuropäische Banken weniger Kapital für ihre osteuropäischen Töchter zur Verfügung stellen. Zuletzt deuteten die Indikatoren allerdings auf eine leichte Entspannung der Situation – zumindest vorerst. Die Banken Osteuropas setzen künftig stärker auf lokale Einlagen.

Mit Zinsen von bis zu 22 Prozent wirbt ein ukrainisches Geldinstitut um Einlagen – trotz der zuletzt erheblich niedrigeren Inflation: Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Refinanzierungskosten für viele mittel- und osteuropäische Banken im Zuge von Finanz- und Euroschuldenkrise in die Höhe geschossen sind. Ein gesundes Verhältnis aus lokalen Einlagen und Krediten ist angesichts der eingeschränkten übrigen Refinanzierungsmöglichkeiten das Gebot der Stunde.

Zwei Kanäle der Krise
Die Ausläufer der Eurokrise treffen Mittel- und Osteuropa vor allem über zwei Kanäle: Zum einen bremst die schlappe Konjunktur im Euroraum die Exporte der Ost-Länder, für die die EU zumeist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt ist. Insbesondere die südosteuropäischen Staaten, die in höherem Maße in südeuropäische Länder wie Italien liefern, sind hiervon betroffen. „Es ist vor allem der Einbruch der Eurozone, der das externe Umfeld der Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas besonders bestimmt“, sagte Michael Landesmann, Direktor des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), bei der Präsentation der aktuellen Osteuropa-Prognose im März.

Zum anderen führen die angespannte Situation vieler westeuropäischer Banken und höhere Eigenkapitalanforderungen im Rahmen von Basel III zu Befürchtungen, die westeuropäischen Geldhäuser könnten ihre Töchter im Osten auf dem Trockenen sitzen lassen und in großem Stil Kapital aus der Region abziehen. Immerhin gehören westeuropäische Finanzinstitute zu den größten Eigentümern der Banken in der Region. Von der Bilanzsumme in Höhe von rund 2,5 Billiarden Euro werden 46 Prozent von ausländischen Eigentümern kontrolliert. In Ländern wie Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Ungarn, der Slowakei oder Rumänien sind mehr als 80 Prozent der Finanzinstitute im Eigentum von Banken aus der Eurozone. Reduzieren diese ihre Engagements, verschärfen sie die Kreditkonditionen in diesen Ländern.

Osteuropäische Banksysteme im Vergleich © OWC
Osteuropäische Banksysteme im Vergleich © OWC

Viele von ihnen mussten im Zuge der Krise im Osten Federn lassen. So nahm etwa die UniCredit-Tochter Bank Austria im Vorjahr Firmenwertabschreibungen im Umfang von 737 Millionen Euro bei ihren Ost-Töchtern vor allem in Kasachstan und der Ukraine vor. Während die Bank Austria noch einen kleinen Gewinn vorweisen konnte, haben hohe Abschreibungen auf das Osteuropa-Geschäft die österreichische Erste Group im vergangenen Jahr tief in die roten Zahlen gerissen. Unter dem Strich stand ein Verlust von knapp 720 Millionen Euro. Die viertgrößte Bank des Landes, die Österreichische Volksbanken-AG, musste mit Staatshilfe vor dem Kollaps bewahrt werden und verkaufte ihre Osteuropa-Tochter im Februar an die russische Sberbank.

Die Verluste ihrer ungarischen Tochter trüben auch die Bilanz der BayernLB, die deshalb im Vorjahr über eine halbe Milliarde Euro abschreiben musste. Andere krisengeschüttelte Institute aus dem Euroraum wie die irische Allied Irish Bank, die griechische EFG Eurobank oder die belgische KBC mussten sich gar ganz oder teilweise von ihren Töchtern im Osten trennen.

Warnung vor einer Kreditklemme
Vor einer Kreditklemme im Osten des Kontinents warnte daher Ende Januar die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Die EBRD verwies dabei auf das rückläufige Wachstum der Kreditvolumina und den nach wie vor hohen Bestand notleidender Kredite in Osteuropa. Die Unruhe in der Eurozone sei wegen der Integration der mittel- und osteuropäischen Banken in den Bankensektor des Euroraums eine „systemische Herausforderung“ für die Region, warnte die Bank und forderte ein abgestimmtes Vorgehen: „Es ist absolut notwendig, dass wir eine koordinierte Antwort auf die Restrukturierung westlicher Banken geben, die deren Auswirkung auf Osteuropa berücksichtigt“, sagte EBRD-Chef-Ökonom Erik Berglof bei der Vorstellung der Januar-Prognose des Instituts.

Besonders in Südosteuropa und in Russland, weniger in Mittelosteuropa, haben viele westliche Banken ihr Engagement seit 2008 zurückgefahren: „Das sind die österreichischen Banken, das sind die deutschen Banken, die das massiv betrieben haben, und die Schweizer Banken“, sagt wiiw-Chef Landesmann. Allein die deutschen Geldhäuser reduzierten nach Berechnungen des wiiw ihre Forderungen gegenüber mittel- und osteuropäischen Instituten zwischen Juni 2008 und September 2011 um 47 Prozent. Der Anteil deutscher Banken an den Gesamtforderungen gegenüber der Region reduzierte sich dadurch um sechs Prozentpunkte auf zehn Prozent, und die deutschen Institute verloren ihren dritten Platz an französische Banken.

Dass der große „Credit Crunch“ im Osten ausgeblieben ist, liegt nach Einschätzung der Wiener Wirtschaftsforscher in erster Linie daran, dass die Banken der drei großen Gläubigerländer Österreich, Italien und Frankreich ihre Forderungen nur maßvoll zurückgefahren haben. „Wären alle Gläubigerländer dem Beispiel Deutschlands und der Schweiz gefolgt, hätte die Region eine weit schwerere Krise erlebt“, schlussfolgert wiiw-Analyst Mario Holzner, der die Auswirkungen der europäischen Bankenkrise auf MOE untersucht hat.

„Wende zum Besseren“
Zuletzt zeigten sich die Analysten wieder positiver gestimmt: Eine „Wende zum Besseren“ erwartet die österreichische Raiffeisen Bank International (RBI) – selbst einer der Marktführer im Osten Europa – in ihrer jüngsten Prognose vom April. Zu der rosigeren Zukunftssicht haben die vergleichsweise günstigen Konjunkturaussichten in Deutschland, aber auch die jüngsten Liquiditätsspritzen der EZB beigetragen. „Im Moment macht es nicht den Anschein, als ob die Schuldenkrise der europäischen Staaten auch die CEE-Kernländer beeinträchtigen würde“, sagt Peter Brezinschek, Leiter des Researchs bei RBI.

Die Sberbank ist seit kurzem Eigentümer der einst österreichischen VBI © OWC
Die Sberbank ist seit kurzem Eigentümer der einst österreichischen VBI © OWC

Die Gefahr einer Kreditverknappung in MOE sehen die Wiener derzeit nicht: „Wir erkennen keine Anzeichen einer Kreditklemme in der GUS und in Zentraleuropa, exklusive Ungarn“, sagt Brezinschek. Herausforderungen gebe es allerdings in Südosteuropa mit seinem niedrigen Kreditwachstum und einem weiterhin steigenden Anteil notleidender Kredite. „Dennoch bleibt der Zufluss von Einlagen in allen CEE-Ländern auf gesundem Niveau. Dadurch entwickelte sich das Verhältnis von Krediten zu Einlagen in den meisten CEE-Ländern in den vergangenen neun bis zwölf Monaten rückläufig“, sagt der Chefanalyst.

Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Erholung in den letzten beiden Jahren hat sich auch die Kreditqualität in Mittel- und Osteuropa verbessert. So ist der Anteil der faulen Kredite am Kreditbestand nach Berechnungen von UniCredit Research im Durchschnitt seit Jahresende 2010 nicht mehr gestiegen und bewegte sich Ende 2011 bei rund 14 Prozent. In den meisten MOE-Ländern hat der Anteil Mitte des vergangenen Jahres seinen Höhepunkt erreicht. Der Vorsorgebedarf für faule Kredite ging in allen Ländern mit Ausnahme Kasachstans zurück, wobei der deutlichste Rückgang in den baltischen Staaten, Russland, Bosnien-Herzegowina, Ungarn und der Ukraine zu verzeichnen war.

„Kampf um die Einlagen“

In Zukunft dürfte sich bei den Kredit-aktivitäten im Osten gegenüber der Zeit vor der Krise ein geringeres Wachstum herauskristallisieren. Bereits in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres flaute das Kreditwachstum wegen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten ab. Die Analysten der UniCredit sprechen in ihrer jährlichen Bankenstudie vom Januar von einer „neuen Normalität“, in der mit einer ausgewogeneren Finanzierungsstruktur zu rechnen ist – insbesondere in Ländern mit hohen Refinanzierungslücken. Das Motto der Banken laute nun „Kampf um die Einlagen“.

Das kurzfristige Risiko, dass die Mutterhäuser die Kreditvergabe bei ihren mittel- und osteuropäischen Töchtern einschränken könnten, ist nach Einschätzung der Autoren eher gering. Mittelfristig schließen die Analysten jedoch nicht aus, dass das schwächere makroökonomische Umfeld und ein anhaltender regulatorischer Druck im Hinblick auf die Kreditvergabe einige Banken dazu bringen könnten, ihre Töchter in der Region „zur Implementierung eines Geschäftsmodells mit geringerer Abhängigkeit von außen“ zu bewegen. In diesem Fall müssen die Finanzinstitute in der Region verstärkt lokale Einlagen für die Kreditvergabe akquirieren. ch

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West Contact 05/2012.