Schweizer Exportwirtschaft justiert sich neu

Die Schweizer Maschinenbauer melden ein Plus von 18 Prozent beim Export nach Russland. © Swissmem
Die Schweizer Maschinenbauer melden ein Plus von 18 Prozent beim Export nach Russland. © Swissmem

Der überbewertete Franken hat bei der Schweizer Exportwirtschaft im vergangenen Jahr teils tiefe Spuren hinterlassen. Im Sommer 2011 erreichte die Franken-Stärke ein derart bedrohliches Ausmaß, dass die Schweizer Nationalbank eine Wechselkurs-Untergrenze von 1,20 CHF/Euro festlegte, um die Exporteure vor größeren Schäden zu schützen. Um ihre Risiken zu diversifizieren und neue Kunden zu finden, wenden sich Schweizer Unternehmen nun vermehrt dem Osten zu.
Während die Nachfrage nach Schweizer Produkten aus Europa stagnierte, zeigte die Außenhandelsstatistik für 2011 einen 13-prozentigen Zuwachs der Ausfuhren nach Russland. Auch die Exporte in andere GUS-Staaten legten zu: Ein Plus von 57 Prozent vermeldet die Eidgenössische Zollverwaltung (EVZ) bei den Güterströmen nach Kasachstan, um 47 Prozent legte die Warenausfuhr nach Aserbaidschan zu, für die Ukraine werden 22 Prozent vermeldet.
Die Schweizer Maschinenbauer – rund 80 Prozent der Produkte der Branche werden ausgeführt – stehen exemplarisch für die Exportentwicklung im vergangenen Jahr. „Über das ganze Jahr gesehen stagnierten im Vergleich zum Vorjahr die Auftragseingänge und Umsätze“, meldete der Maschinenbauverband Swissmem Ende Februar. Die Ausfuhren in die EU, den wichtigsten Absatzmarkt, reduzierten sich um 1,3 Prozent. Um die Nachfrage und auch Arbeitsplätze zu sichern, diversifizieren viele Unternehmen ihr Exportgeschäft zunehmend auf verschiedene Märkte. Besonders in den GUS-Staaten und der Türkei meldete Swissmem für 2011 Zuwächse bei den Ausfuhren. Nach Russland lieferten die Schweizer Maschinen im Wert von 915 Millionen Franken, ein Plus von rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, auch die Absatzmärkte Ukraine, Türkei und Ungarn brachten einen Anstieg um 20, elf  beziehungsweise vier Prozent.

Bedeutung wachsend
„Ich schätze die Bedeutung der Region als hoch ein und auch als wachsend“, bestätigt Regula Spalinger, die mit ihrer Wirtschaftsberatung Kommunikation Ost-West seit 15 Jahren Firmen auf ihrem Weg nach Osteuropa unterstützt. „In der Anfangszeit unserer Firmengründung waren wirklich nur die großen Konzerne im Osten aktiv. Das hat sich jetzt sehr stark gedreht“, berichtet Spalinger. „Es sind jetzt immer mehr auch die kleineren Unternehmen, KMU, bis hin zu Kleinstfirmen mit zehn Mitarbeitern, die über den Export nach Osteuropa nachdenken.“ Im Zusammenhang mit der Franken-Stärke gehen die Unternehmen auch immer mehr dazu über, wenigstens einen Teil der Produktion in den Osten zu verlagern, weil die Entfernung zur Schweiz nicht allzu groß ist und die Transportkosten nicht allzu hoch sind. „Der Lohnkostenfaktor und allgemein die niedrigen Produktionskosten kommen in Osteuropa gut zum Tragen“, sagt Spalinger.
Der Technologiekonzern Bucher hat sich bereits vor acht Jahren für die Produktion in Osteuropa entschieden. Die Division Bucher Municipal, Marktführer bei Kommunalfahrzeugen in Europa und Australien, hat 2004 ein Werk im lettischen Ventspils eröffnet, dadurch die Kostenstrukturen verbessert und ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöht. „Die Wahl fiel auf Lettland, weil die Stadt Ventspils attraktive Bedingungen für den Aufbau des Werkes gewährte“, sagt Konzernsprecherin Vanessa Ölz. In Lettland beschäftigt Bucher Municipal 148 Mitarbeiter und stellt Fahrzeugchassis sowie komplette Aufbauten für Kompakt- und Großkehrfahrzeuge her. 2010 investierte der Konzern sechs Millionen Franken in den Ausbau des Werkes mit einer neuen Werkhalle von fast 3.000 Quadratmetern, Investitionen in Maschinen für die Blechbearbeitung sowie in eine neue Lackieranlage. Der Auf- und Ausbau des lettischen Werkes erwies sich für die Bucher Municipal während der Finanzkrise – und der daraus folgenden Entwertung des Euros – als besonders günstig. „Die Nachteile der hohen Kostenbasis im Schweizer Werk konnten teilweise kompensiert werden, indem weitere Tätigkeiten nach Lettland verlegt wurden“, sagt Ölz.
2011 erzielte die Bucher Industries AG einen Umsatz von 2.336 Millionen Franken, davon entfielen auf Osteuropa rund neun Prozent. Vor allem Landmaschinen, Kommunalfahrzeuge sowie Anlagen zur Fruchtsaftherstellung waren in der Region im vergangenen Jahr besonders gefragt. Jüngst vermeldete Bucher einen weiteren Großauftrag aus Moskau: Innerhalb kürzester Zeit – bis Mai 2012 – wird der Konzern 400 Kompakt- und 245 Großkehrfahrzeuge sowie 230 Streuer für den Winterdienst an die Stadt Moskau liefern – ein Auftrag im Wert von 51 Millionen Euro. Ein Teil dieses Auftrags wird in Ventspils abgewickelt.

Entwicklung der Schweizer Exporte nach MOE, 1990-2010; Quelle: EVZ
Entwicklung der Schweizer Exporte nach MOE, 1990-2010; Quelle: EVZ

Kostenoptimal produzieren
Auch der auf Verfahrenstechnik spezialisierte Technologiekonzern Bühler mit Sitz in Uzwil hat seine Präsenz in Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahren stark ausgebaut. Das Unternehmen ist unter anderem in Ungarn, Polen, Rumänien, Russland und der Ukraine vertreten. Seit Oktober 2011 gehören auch zwei Produktionsstätten in Tschechien zum Konzern, die Bühler vom Schweizer Textilmaschinenbauer Rieter übernommen hat. Die Werke mit über 300 Mitarbeitern liegen in Zamberk und Ústí nad Orlicí und dienen vor allem als Zulieferbetriebe für Baugruppen, Komponenten und Blechbauteile. Bühler beabsichtigt weitere Investitionen in den tschechischen Produktionsstandort. „Die Stärkung der Fertigungskapazitäten in Europa und speziell in Osteuropa folgt der Devise, möglichst nahe am Markt effizient und kostenoptimal zu produzieren“, meldet das Unternehmen.
„Die Länder Mittel- und Osteuropas sind wichtige Märkte für uns, da seit der Öffnung der Region auch viele unserer Kunden ihre Fertigung dorthin verlagert haben“, bestätigt Radim Vrablik, Geschäftsführer von Danzer Bohemia, der tschechischen Division der Danzer Group. Die Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Baar ZG, die in der holzverarbeitenden Industrie tätig ist und Echtholz-Furniere und Schnittholz aus Laubhölzern produziert und vertreibt, „hat mit dem Bau des Furnierwerkes von Danzer Bohemia die Chance ergriffen, quasi auf der Grünen Wiese das modernste Furnierwerk Europas zu bauen“, sagt Vrablik.

Herausforderung: Korruption
In der Region begegnen den Schweizer Unternehmen besondere Herausforderungen. „Es handelt sich um sehr preisorientierte Märkte, mit erhöhtem Kreditrisiko“, bestätigt Vrablik. Die Unternehmensberaterin Spalinger fügt hinzu: „Wenn es um Probleme in der Zusammenarbeit mit Osteuropa geht, ist das größte Thema sicherlich immer wieder die Korruption.“ Sie höre regelmäßig Referenten, gerade auch von den großen, international erfahrenen Schweizer Unternehmen, die sagen: „Null Toleranz, wir lassen uns auf irgendwelche Geldzahlungen absolut nicht ein, sondern verzichten lieber auf ein Geschäft. Man wird sonst einfach erpressbar.“

Danzer Bohemia beliefert vor allem Kunden in Mittel- und Osteuropa. © Danzer
Danzer Bohemia beliefert vor allem Kunden in Mittel- und Osteuropa. © Danzer

Unterstützung breit aufgestellt
Allgemein empfiehlt Spalinger, sich genügend Zeit zu nehmen, wenn man Geschäfte in Osteuropa aufbauen möchte. „Ich höre von Unternehmen öfter, dass es schlussendlich mehr Zeit braucht eine Geschäftspartnerschaft anzubahnen, als sie gedacht haben“, sagt sie. „Überhaupt sollte man die Partnersuche sehr sorgfältig angehen. Ich denke, dass es im Fall von kleinen und mittleren Unternehmen auch ratsam ist, sich Unterstützung von externen Partnern zu holen, weil man eben nicht für alle Länder das entsprechende Know-how mitbringen kann.“
Wenn es um die Länder Mittel- und Osteuropas geht, sind die Handelskammer Schweiz-Mitteleuropa (SEC; osteuropäische EU-Mitglieder) und die Außenwirtschaftsförderagentur OSEC (GUS-Staaten) als Kontakt- und Informationsplattformen eine erste Anlaufstelle. Die Organisationen informieren regelmäßig über internationale Marktentwicklungen, beraten, vermitteln Kontakte, Geschäftsmöglichkeiten und -partner. Im Rahmen einer Länderberatung bei der OSEC erhalten KMU erste kostenlose Informationen zu ihren Exportvorhaben.
„In vielen Köpfen herrscht immer noch das Bild Russlands kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion und in den frühen 90er Jahren vor“, sagt Marc Buser, leitender Berater für Osteuropa bei der OSEC. Man müsse sich ein eigenes Bild von der Dynamik der Wirtschaft und den Chancen machen, die der Markt zu bieten hat, so Buser. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Unternehmen vor Ort gehen.“
Neben SEC und OSEC gibt es vielfältige länderbezogene Initiativen, die die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen fördern. Die Joint Chambers of Commerce engagieren sich für die Kooperation der Schweizer Wirtschaft mit Russland, der Ukraine, Kasachstan, Belarus, Kirgisistan und Moldau. Für den größten osteuropäischen Markt Russland gibt es gleich mehrere Anlaufstellen: Das Swiss Business Hub Russia in Moskau, die Stiftung Swiss-Russian Forum, die Fachveranstaltungen organisiert; den Kooperations-Rat Schweiz | Russland, ein Verein, der den Ausbau und die Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland  fördert; der im Herbst 2011 neu gegründete Swiss-Russian Industrial Business Club oder die Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation, die seit Dezember 2011 eine erste schweizerische Vertretung in Zürich hat und sich für die Belange russischer Unternehmer in der Schweiz einsetzt.

Zunehmend Engagement aus Osteuropa
„Die Anfragen von osteuropäischen Unternehmen, die auf den EU- oder den Schweizer Markt wollen, nehmen zu“, sagt die Beraterin Spalinger. Prominentestes Beispiel ist sicher der russische Oligarch Wiktor Wekselberg, der sich über seine Renova-Gruppe mit über drei Milliarden Franken an der Werkzeugmaschinenfabrik OC Oerlikon und dem Industriekonzern Sulzer beteiligt hat und deren Beziehungen nach Russland nun vorantreibt.
„Ich denke, diese Art von Investitionen wird es auch in Zukunft geben. Herrn Wekselbergs Anliegen ist es ja, hochtechnologische Produkte und Produktions-Know-how aus der Schweiz nach Russland zu transferieren“, erklärt Spalinger. Bei Sulzer hat er alle vier Divisionen (Sulzer Pumps, Sulzer Metco, Sulzer Chemtech und Sulzer Turbo Services) mit Russland vernetzt. Insbesondere in den Segmenten Öl und Gas, der Kohlenwasserstoffverarbeitung und der Energieerzeugung sieht der Konzern noch großes Wachstumspotenzial. „In Russland ist allgemein das Erneuerungspotenzial recht hoch“, erklärt Sulzer-Sprecherin Verena Gölkel das Interesse am Osten.

Mitarbeiter der Sulzer Chemtech am russischen Standort Serpuchow © Sulzer AG
Mitarbeiter der Sulzer Chemtech am russischen Standort Serpuchow © Sulzer AG

Vor fünf Jahren entschied Sulzer sich für den Aufbau eines Engineering- und Produktionsstandorts der Division Sulzer Chemtech in Serpuchow, rund 80 Kilometer südlich von Moskau. Das Werk produziert vor allem strukturierte Packungen, Einbauten und Kolonnenböden für die thermische Stofftrennung, die in der Kohlenwasserstoffverarbeitung sowie in der Öl- und Gasindustrie eingesetzt werden. „Russland gehört zu den Top Ten unserer Märkte. Wir haben dort viel investiert und werden das auch weiterhin machen“, sagt Gölkel.
Schweizer Know-how wird zunehmend zur Intensivierung der Geschäftsbeziehungen in den beiden Ländern genutzt, und um Russland aus der starken Rohstoffabhängigkeit zu helfen. Regula Spalinger ist sich sicher: „Die Schweizer Wirtschaft tut gut daran, einen solchen partnerschaftlichen Ansatz weiter zu verfolgen. Die Unternehmer hier sind oft sehr vorsichtig und bei manchen – nicht bei allen – spürt man auch eine Abwehrhaltung. Ich denke, dass sollte in vielen Bereichen ersetzt werden durch eine aktive Haltung, die partnerschaftlich Win-to-win-Situationen erreichen kann.“ Die Voraussetzungen seien da, beide Länder hätten Interessen, die sich komplementär sehr gut ergänzen.
„Wir unterhalten ausgezeichnete und sehr vielfältige Beziehungen zu Russland“, betont der Schweizer Botschafter in Russland, Dr. Pierre Helg. Bereits 2007 haben die Schweiz und Russland ein multi-sektorielles Memorandum of Understanding unterzeichnet. „Im wirtschatlichen Bereich, ist es unser Ziel, die Beziehungen noch weiter auszubauen und zu vertiefen.“
Heute sind ungefähr 200 Schweizer Unternehmen in Russland registriert. „Sicher ist es für kleine und mittlere Unternehmen nicht einfach, sich auf dem russischen Markt durchzusetzen, aber bei guter Vorbereitung und Zusammenarbeit mit den richtigen Partnern, lohnt sich der Aufwand in jedem Fall“, sagt Helg.
In Russland sind die Schweizer vor allem im Maschinenbau, in der Gesundheitswirtschaft, der Chemie- und Pharmaindustrie und als Uhrenhersteller aktiv. Die Zeiten der Athleten bei den Olympischen Spielen in Sotschi werden natürlich auf Swatch-Uhren gestoppt. gh

Dieser Beitrag ist erschienen in Ost-West Contact 04/2012.