Fachkräftemangel verlangsamt Wirtschaftsentwicklung Chinas

Fleißige Hände sind immer schwerer zu finden © OWC/Adobe
Fleißige Hände sind immer schwerer zu finden © OWC/Adobe

Der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs wird zunehmend zum Risiko sowohl für die Wirtschaft als auch für internationale Investoren, die es heute bereits am eigenen Leibe spüren. Der Fachkräftemangel ist in Tier-2- und Tier-3-Städten umso gravierender, trotz des derzeitigen Trends, aufgrund gestiegener Personal- und Standortkosten sowie steuerlichen Anreizen im Hinterland zu investieren. Zudem besteht das Problem, dass Personal aus Tier-1-Städten in der Regel nicht in westlicheren Provinzen arbeiten möchte, so dass eine Standortverlagerung inklusive Personal nur schlecht durchführbar ist. Der Gastbeitrag von Simone Langhauser, Consultant bei der Far Eastern – Fernost Beratungs- und Handelsgesellschaft mbH, beleuchtet Umgehensweisen mit dem Fachkräftedefizit.

Demografischer Wandel
Ein Grund für den resultierenden Fachkräftemangel ist die rapide Alterung der chinesischen Gesellschaft. Von 1,3 Milliarden Chinesen waren im Jahr 2010 schon 118 Millionen über 65 Jahre alt. Bis 2040, so schätzt das Nationale Statistikbüro in Peking, steigt die Zahl der Senioren auf 329 Millionen. 2050 wird ein Drittel der chinesischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein – eine riesige Herausforderung. Vor dem Hintergrund der schnellen Alterung der chinesischen Gesellschaft, sinkender Geburtenraten von minus 42 Prozent innerhalb von 100 Jahren (1950: 25.468 Millionen Geburten, 2050: 14.682 Millionen Geburten, Quelle: UN World Population Prospects) und einer steigenden Lebenserwartung (1950: 40,8, 2050: 76,7), können Arbeitskräftemangel, geringere Produktivität und explodierende Krankheitskosten die Folge sein.

Chinas Bevölkerungspyramide im Jahr 2050 nach einer Prognose der United Nations © UN
Chinas Bevölkerungspyramide im Jahr 2050 nach einer Prognose der United Nations © UN

Den Berechnungen zufolge wird das Erwerbspersonenpotenzial in China bis 2050 stark zurückgehen. Damit stehen dem Arbeitsmarkt weniger (Nachwuchs-) Fachkräfte zur Verfügung. Diese Tatsache wird früher oder später Auswirkungen auf die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in China haben. Manche Unternehmen sprechen bereits heute von einer Expansionsbremse, weil nicht mehr ausreichend viele Fachkräfte in den Unternehmen verfügbar sind und der „Nachschub“ fehlt. Um hier entgegen zu wirken und das eigene Personal langfristig halten zu können, müssen weitere Anreize geschaffen werden, zum Beispiel durch Weiterbildungen, Schulungen, betriebliche Gesundheitsförderung, Förderung der Attraktivität des Arbeitgebers (employer branding) sowie Mitarbeitermaßnahmen bezüglich älterer Fachkräfte.

Trend zur Automatisierung
Angesichts steigender Personalkosten und Arbeitskräftemangel setzen in China immer mehr Unternehmen auf automatisierte Produktionstechniken. Insbesondere in der Elektronikindustrie und Ausrüsterbranche (wie Sensoren, Förderbänder, Elektrowerkzeuge etc.) ist dieser Trend bereits zu spüren. Hersteller von Fertigungsrobotik reagieren auf die steigende Nachfrage, so zuletzt auch Panasonic. Zahlen vom ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.) belegen, dass in der Automatisierung in China noch ein immenses Potenzial schlummert. Dies zeigt der gestiegene Automations-Anteil Chinas an der Weltproduktion. Die Kernzahl stieg in China zuletzt auf 27 Prozent von 22 Prozent in 2009 (Zahlen aus 2010 lagen zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht vor). China hat sich als Hersteller als auch als Verbraucher von Automatisierungstechnik an die Spitze gesetzt.

Auch in Hongkong schlägt sich dieser Trend nieder: Viele Personalberatungsgesellschaften  warnen vor einem anhaltenden Kampf um die besten Talente: Viele Arbeitgeber kürzten in der globalen Finanzkrise drastisch den Personalbestand, was sich jetzt rächt, da die Wirtschaft wieder angezogen hat. Rund ein Fünftel der befragten Firmen, ist laut einer Umfrage, schon so verzweifelt, dass sie bereit sind, jeden Preis für gute Leute im Finanz- und Rechnungswesen zu zahlen. Die Unternehmen reagierten ferner mit einer verstärkten Weiterbildung der Belegschaft, mit der Einstellung von Zeitarbeitern und mit der Rekrutierung von Experten aus Übersee. Der Mangel an Fachkräften speziell im Finanzsektor erstrecke sich über die gesamte Asien-Pazifik-Region: Rund 82 Prozent der dortigen Unternehmen klagten über fehlende Fertigkeiten der Bewerber im Umgang mit Zahlen.

Bevölkerungsentwicklung (in Milliarden) © UN/The Economist
Bevölkerungsentwicklung (in Milliarden) © UN/The Economist

Nötige Reformen beim Bildungssystem
Ein weiterer Grund für den Fachkräftemangel stellt Chinas veraltetes Bildungssystem dar. Laut offiziellen Angaben hat jeder vierte der rund sechs Millionen Absolventen in 2011 noch keinen Arbeitsplatz gefunden. Gleichzeitig beklagen internationale Unternehmen, dass es in China mit einer durchschnittlichen Personalfluktuation von 30 Prozent fast unmöglich ist, qualifizierte Absolventen zu finden. Obwohl Chinas’ Jugend offen und arbeitswillig ist, scheitert die universitäre Ausbildung ihnen jenes Wissen und jene Fähigkeiten zu vermitteln, die tatsächlich am Arbeitsmarkt verlangt werden. Lehrpläne sind veraltet, der Unterricht zu frontal und die überfüllten Klassen verhindern, dass sich die Studenten wirklich einbringen können. Um langfristig soziale Stabilität gewährleisten zu können, wird daher das chinesische Bildungswesen eines der nächsten großen Reformen sein, die China helfen soll sein Image als „Werkbank der Welt“ endgültig hinter sich zu lassen und mit echten Innovationen international konkurrenzfähig zu werden.

Von Simone Langhauser, Far Eastern – Fernost Beratungs- und Handelsgesellschaft mbH