Deutsche Industrie setzt zum Jahresendspurt an

Grundsteinlegung Ende November in Kaluga © Continental
Grundsteinlegung Ende November in Kaluga © Continental

BERLIN. Kurz vor dem Jahreswechsel zeigt sich die deutsche Wirtschaft bei ihrem Russlandengagement besonders aktiv. Der bilaterale Handelsumsatz könnte 2011 die Marke von 70 Milliarden Euro überschreiten, schätzt die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer Ende November – das wären noch einmal zwölf Milliarden mehr als im Rekordjahr 2008. 54 Milliarden Euro waren nach den ersten drei Quartalen bereits erreicht. Zudem vermeldeten gleich drei Industrieunternehmen und ein Technik- und Serviceanbieter in den vergangenen Tagen bedeutende Vorhaben im Osten.

Siemens plant Gasturbinenwerk
Das größte darunter ist der Bau eines neuen Gasturbinenwerkes, das Siemens in St. Petersburg plant. Dazu hat der Konzern ein Joint Venture namens Siemens Gas Turbine Technologies gegründet. An dem Gemeinschaftsunternehmen hält Siemens 65 Prozent und der russische Partner Power Machines die weiteren Anteile. Gemeinsam wolle man rund 275 Millionen Euro in den neuen Standort investieren und somit 500 Arbeitsplätze schaffen, hieß es Anfang Dezember aus der Konzernzentrale in München. Die Produktion soll 2014 starten.
Die Gasturbinen sind für den Markt in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gedacht. Siemens rechnet dort mit einer wachsenden Bedeutung von Gas- und Dampfturbinen(GuD)-Kraftwerken. 2010 stellten mit Gastrubinen betriebene Kraftwerke in den GUS-Ländern nur 30 Gigawatt der gesamten installierten Leistung von 370 Gigawatt. Bis 2020 wird sich ihr Anteil nach Schätzungen von Siemens auf 100 Gigawatt erhöhen.
Daher versucht Siemens seit einigen Jahren den Schulterschluss mit Power Machines, das vom russischen Milliardär Alexej Mordaschow kontrolliert wird. Bis dato halten die Deutschen 25 Prozent an der Maschinenbaugesellschaft. Im Zuge der Neugründung des Gemeinschaftsunternehmens in St. Petersburg wird Siemens diesen Anteil nun an Mordaschow abgeben, der dann über 95 Prozent an Power Machines verfügt.

Continental legt Grundstein für Reifenwerk
Auch der deutsche Automobilzulieferer Continental weitet sein Russlandgeschäft aus. Ende November legten die Hannoveraner den Grundstein für ein neues Reifenwerk in Kaluga. Gleichzeitig unterschrieb Continental mit der Gebietsregierung die dazugehörige Investitionsvereinbarung über mindestens 240 Millionen Euro. Bis Ende 2013 sollen in Kaluga die ersten Pkw-Reifen vom Band laufen – zunächst vier Millionen im Jahr. Die Sommer- und Winterreifen wichtiger Konzernmarken wie Continental, Gislaved, Barum und Matador werden für den russischen Markt produziert. In Kaluga formiert sich derzeit ein Automobilcluster. Langfristig soll die Jahreskapazität auf acht Millionen Reifen erweitert werden. Parallel baut Continental sein Werk für Motorsteuerungen und weitere Elektronikkomponenten in Kaluga aus.

Gildemeister baut Werkzeugmaschinenfabrik
Die Gildemeister AG will im Gebiet Uljanowsk ein neues Werk bauen. Ende November unterschrieb Rüdiger Kapitza, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Werkzeugmaschinenbauers, in Moskau ein entsprechendes Abkommen mit dem Gebietsgouverneur Sergej Morosow.
Die Investitionen in das Bauprojekt belaufen sich auf 20 Millionen Euro. Das Werk soll im Industriegebiet Sawolschje entstehen. In dem Gebiet haben sich Automotive-, Kugellagerhersteller und der Luftfahrtkonzern Aerospace angesiedelt, die Gildemeister beliefern will. Das Grundstück sei bereits erworben. Das Werk, das mit einem jährlichen Ausstoß zwischen 850 bis 1.000 Werkzeugmaschinen konzipiert ist, soll Ende 2012 starten und mehrere Hundert neue Arbeitsplätze in der Region schaffen.

Fresenius eröffnet Dialysezentrum
Weit im Süden, in Krasnodar, wird am 15. Dezember das neue Dialysezentrum von Fresenius Medical Care eingeweiht. Es verfügt über 150 Betten und kann Dialysedienstleistungen für 1.000 Patienten anbieten. In der Region leben über 1.050 Menschen mit Nierenerkrankungen, die dringend auf das neue Zentrum warten, da es bisher nur knapp 140 Plätze für die sogenannte Hämodialyse gibt. Maschinen für dieses außerhalb des Körpers stattfindende Blutreinigungsverfahren gehören ebenso zum Portfolio der Fresenius Medical Care wie die dafür benötigten Einwegprodukte. Im Mai vergangenen Jahres hatte Fresenius die regionale Dialysebetreiberkette KNC übernommen – und mit ihr deren fünf zum Teil im Bau befindliche Einrichtungen. In Armavir eröffnete im Frühjahr dieses Jahres das erste Projekt, in Sotschi und Noworossijsk wird noch gebaut, in Tuapse ist kein Neubau geplant. Die Einrichtung in Krasnodar auf knapp 9.000 Quadratmetern wird laut Unternehmensangaben das größte Dialysezentrum in Europa werden. Zwei weitere Dialysestützpunkte im Norden des Gebietes stehen kurz vor der Inbetriebnahme. awa