Agrarregion Pskow baut auf Nahrungsmittelverarbeitung

Die Region Pskow setzt auf Schweinezucht. © Guido Gerding
Die Region Pskow setzt auf Schweinezucht. © Guido Gerding

Russlands Regionen stehen mehr und mehr im Wettbewerb um Investoren. Boom-Regionen wie Kaluga, Krasnodar oder Tscheljabinsk sind deutschen Investoren seit einiger Zeit bekannt. Große Konzerne haben sich angesiedelt, die Zulieferer kommen nach. Doch auch die hierzulande weniger bekannten Regionen beobachten diesen Aufschwung und wollen nachziehen. Ende Oktober reisten Vertreter des Gebiets Pskow, unterstützt von der Commit Group, mit einer Wirtschaftsdelegation nach Bonn, um deutsche Investoren von den Vorteilen der Agrarregion zu überzeugen.
„Konkurrenz unter den Regionen – ich finde das gut. Das gibt uns, der Verwaltung, wichtige Impulse, nur so können wir uns weiterentwickeln“, erklärt Sergej Pernikow, Erster Stellvertretender Gouverneur des Gebietes Pskow. Er ist Teil einer sehr jungen, engagierten Delegation um Andrej Turtschak, seit 2009 Gouverneur des Gebietes und mit 36 Jahren einer der jüngsten Gouverneure Russlands. Allein 2011 hat die Gebietsverwaltung 25 Projekte im Wert von rund 1,5 Milliarden Euro gestartet, um die Region voranzubringen. Laut ihrer Strategie der Entwicklung des Gebiets Pskow im sozialen und wirtschaftlichen Bereich bis 2020 hat die Entwicklung des agroindustriellen Komplexes dabei oberste Priorität. Die Schwerpunkte der Region liegen außerdem im Transport- und Logistiksektor, im Tourismus, bei der verarbeitenden Industrie, vor allem der Nahrungsmittelindustrie, und beim Maschinen- und Anlagenbau.

Wenig ausländische Investoren
Das westrussische Gebiet Pskow gehört zum Föderationskreis Nordwestrussland und liegt an der Grenze zu Estland, Lettland und Belarus. In Bezug auf ausländische Investitionen zählt es mit rund 42,56 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr zu den schwächsten Gebieten der Nordwestregion. Die Nachbarn Nowgorod (533,02 Millionen US-Dollar) und Leningrad (636,95 Millionen US-Dollar) können auf ein Vielfaches dessen zurückblicken.
Die ausländischen Investoren in Pskow kommen hauptsächlich aus Österreich (40,6 Prozent; 17,3 Millionen US-Dollar), Lettland (36,2 Prozent; 15,4 Millionen USDollar) und Dänemark (12,6 Prozent; 5,4 Millionen US-Dollar). Investiert haben sie 2010 zumeist in die Landwirtschaft (46,9 Prozent) und die verarbeitende Industrie (46,9 Prozent). Deutsche Unternehmen machen in Pskow mit Investitionen im Wert von 108.000 US-Dollar nur 0,25 Prozent aus. Der Warenumsatz zwischen Pskow und Deutschland betrug 2010 165 Millionen Euro, wobei Deutschland jedoch Waren im Wert von 164 Millionen Euro (ein Prozent der Gesamteinfuhren der Region Pskow) in das Gebiet exportierte, während umgekehrt nur Pskower Waren im Wert von 764.000 Euro (ein Prozent des Gesamtexports der Region) in die Bundesrepublik ausgeführt worden sind.

Bald erste Sonderwirtschaftszone
„Wir sind von Investoren nicht so verwöhnt wie vielleicht das Gebiet Moskau“, bestätigt Turtschak, doch darin sieht er auch einen entscheidenden Vorteil. „Das erlaubt es uns, jeden Investor individuell zu betreuen.“ Projekte mit einem Investitionsvolumen von über drei Millionen Euro genießen die persönliche Unterstützung des Gouverneurs. Wenn das Investitionsprojekt ein Volumen von mindestens 100 Millionen Rubel (rund 2,5 Millionen Euro) aufweist und als strategisch interessant betrachtet wird, werden seitens der Verwaltung Subventionen gewährt. Neben erheblichen Steuervorteilen (beispielsweise die Senkung des Vermögenssteuersatzes von zwei auf 0,01 Prozent oder der Umsatzsteuer von 18 auf 13,5 Prozent) verspricht der Gouverneur auch die schnellere Erteilung von Baugenehmigungen. In Russland braucht man durchschnittlich 90 Tage bis zum Erhalt einer Baugenehmigung, in Pskow sind es nur rund 30 Tage.
Um technologieintensive Industriebereiche zu entwickeln und die Wirtschaft im Allgemeinen zu modernisieren, baut die Gebietsverwaltung derzeit die beiden Industrieparks Moglino (215 Hektar) und Stupnikowo (100 Hektar) aus, unterstützt von Jurong Consultants, renommierten Projektentwicklern aus Singapur. Moglino soll in drei bis vier Monaten den Status einer Sonderwirtschaftszone erhalten. Die Gebiete liegen an der Fernstraße M20, die von St. Petersburg über Pskow zur belarussischen Grenze führt. Derzeit wird die Infrastruktur geplant. 2012 soll in Moglino mit der Verlegung von Gas-, Strom-, Wasser- und Abwasseranschlüssen begonnen werden, 2013 soll das Territorium fertig sein, so dass gebaut werden kann.

Deutscher Ladenbauer setzt auf Pskow
Zufrieden mit seinem Engagement in Pskow zeigt sich Heinz-Herbert Dustmann, Chef der Dula-Werke Dustmann & Co GmbH, einem der größten Ladenbauer in Europa, der mit dem exklusiven Innenausbau der internationalen Filialen von Zara, H&M, Apple und Co. 2011 rund 135 Millionen Euro umsetzen wird.
„In Russland sehen wir für uns eine große Zukunft. Im Moment können wir gar nicht so schnell ausbauen, wie Kapazitäten nachgefragt werden.“ Beim Besuch von Gouverneur Turtschak Ende Oktober hat Dula im Stammhaus in Dortmund ein Abkommen zur Erweiterung des Pskower Werkes unterzeichnet. Anfang 2005 wurde die Produktionsstätte eingeweiht. Bereits damals verwies Firmenchef Dustmann darauf, dass die Ansiedlung in Pskow keine Verlagerung der Produktionskapazitäten bedeutet, sondern eine Ergänzung, um den Wachstumsmarkt Russland zu bedienen.
Zunächst hatte Dustmann über eine Brownfield-Investition in Pskow nachgedacht, „aber den Bau auf der grünen Wiese konnten wir dagegen selbst nach eigenen Wünschen gestalten“. Das war Dula wichtig, denn das Unternehmen wollte in Russland die gleiche Qualität bieten wie in Westeuropa. Von den weltweit über 800 Dula-Mitarbeitern sind 140 in Pskow beschäftigt. Diese Zahl will Dustmann bald auf 200 aufstocken. Vorteile sieht er auch in der grenznahen Lage: Wir können hier selbst verzollen und brauchen nicht über die großen Zollämter in St. Petersburg oder Moskau zu gehen.“
Damit demnächst verstärkt in Pskow verzollt wird, plant die Gebietsverwaltung neben den zwei bestehenden Zoll- Logistik-Terminals weitere drei Terminals. So soll der Warenumschlag, insbesondere die Umladung, Zwischenlagerung und Lagerung erleichtert werden.
Auch die Tann Papier GmbH aus Traun in Oberösterreich, ein Unternehmen der Trierenberg Holding AG, entschied sich für eine Ansiedlung in Pskow und nahm in diesem Jahr seine 8.000 Quadratmeter große Fabrik in Betrieb. Es ist die insgesamt neunte Produktionsstätte der Tann Papier GmbH außerhalb von Österreich, die Investitionskosten lagen bei 29,3 Millionen US-Dollar. Tann Papier stellt in Pskow unter dem Namen Tann Newskij hauchdünnes Zigarettenfilterpapier her.

Agrarindustrie hat oberste Priorität
Ein Großinvestor aus Dänemark ist die OOO Idavang, eine 100-prozentige Tochter der dänischen Tofthøj Agro A/S., die in Pskow einen Schweinezucht-Komplex errichtet. 1999 hat die Holding in Litauen begonnen, derartige Betriebe aufzubauen, und betreibt dort mittlerweile 13 Farmen. 2006 sind die Dänen nach Russland gekommen, seit 2008 betreiben sie Schweinezucht in Pskow. Gerade hat Idavang für 38 Millionen Euro eine neue Anlage gebaut. Finanziert haben die Dänen die Investition teilweise mit eigenen Mitteln, teilweise mit Unterstützung der Rosselchosbank. Auch die Weltbank ist über die International Finance Corporation (IFC) Aktionär bei den russischen Projekten der Tofthøj Agro A/S. Als sie auf dem Pskower Wirtschaftstag in Bonn nach Problemen bei ihren Investitionen gefragt wird, sagt Tatjana Scharygina, die Geschäftsführerin der OOO Idavang: „Natürlich gibt es Probleme, aber in Pskow kann man sie lösen.“ Zum Thema Korruption befragt, antwortet sie: „Schmieren tun wir hier nur mit Gülle. Wenn jemand so was vorhat, dann geben wir das direkt an den Gouverneur, der sich des Problems annimmt.“

Modernisierung bestehender Betriebe
Zu den prioritären Investitionsprojekten in der Region zählt neben der Anwerbung neuer Investoren für den Agrarsektor auch die Modernisierung der traditionell bestehenden Betriebe. Laut Pernikow könne Pskow auf eine etablierte Milchund Fleischproduktion zurückgreifen, allerdings müsse die Rohstoffbasis weiterentwickelt und die Verarbeitung modernisiert werden.
Im Gebiet gibt es eine Geflügelzuchtanlage, in der 25.000 Tonnen Geflügelfleisch jedes Jahr produziert werden; eine Schweinezucht mit rund 100.000 Schweinen; einen Schweinezuchtbetrieb mit 480.000 Schweinen und einem dazugehörigen Futtermittelbetrieb; sowie vier Milchfarmen mit je 1.200 Kühen. Das Welikolukskij Mjasokombinat, das mehr als 80 Prozent aller Fleischprodukte des Gebietes produziert und drittgrößter Fleischverarbeiter Russlands ist, will bis 2013 eine Mastanlage für 480.000 Schweine pro Jahr bauen. Die Investitionen werden auf mehr als 340 Millionen Euro geschätzt. Bisher kauft der Betrieb das Fleisch externer russischer und ausländischer Anbieter.
Die Verarbeitung von Lebensmitteln macht derzeit 30 Prozent der Industrieproduktion in Pskow aus. 2010 wurden hier Produkte im Wert von 2,5 Milliarden Euro erzeugt. Pskow ist eine Agrarregion, die Produkte seien sehr konkurrenzfähig, erklärt Vizegouverneur Pernikow. Außerdem stehe Pskow auf Platz eins aller Regionen Russlands, wenn es um die ökologische Reinheit der Böden geht.
Und an Agrarflächen fehlt es nicht: Fast die Hälfte der Gesamtfläche des Gebietes kann landwirtschaftlich genutzt werden. Laut dem Investitionsmemorandum der Gebietsverwaltung verfügt Pskow über 22.890 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche, ein Gebiet so groß wie Mecklenburg-Vorpommern.
Auch für Nachwuchs sei gesorgt. Es gebe eine landwirtschaftliche Akademie in Welikije Luki, des Weiteren vier mittlere Berufsschulen und fünf technische Fachschulen, so Pernikow. „Aus den Schulen kommen gut ausgebildete Kräfte, die wir dann selbst nach unseren Belangen ausbilden“, bestätigt Dula-Geschäftsführer Dustmann. Außerdem sei das Personal weniger kostenintensiv als in den Metropolgebieten. Durchschnittlich verdient ein Arbeitnehmer in Pskow rund 360 Euro. gh