Ostseepipeline kurz vor Start

Gazprom-Chef Miller weist Putin die Stelle für den Startklick © Gazprom
Gazprom-Chef Miller weist Putin die Stelle für den Startklick © Gazprom

WYBORG/ZUG. Das Pipelineprojekt Nord Stream steht kurz vor der Inbetriebnahme. Anfang September startete Premierminister Wladimir Putin per Mausklick die Befüllung des ersten Leitungsstrangs mit technischem Gas. Zu der Zeremonie ohne großes Aufheben war auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Gaspumpstation Portowaja im Gebiet Leningrad gereist. Er hatte das Vorhaben Ostseepipeline gemeinsam mit Wladimir Putin vorangetrieben und ist heute Aufsichtsratsvorsitzender des Konsortiums Nord Stream AG, an dem der russische Gasmonopolist Gazprom 51 Prozent und die beiden deutschen Energiekonzerne Wintershall und Eon Ruhrgas jeweils 15,5 Prozent halten. Mit jeweils neun Prozent sind zudem die niederländische Gasunie und die französische GDF Suez beteiligt.

Die Befüllung mit technischem Gas, die in etwa vier Wochen dauert, ist der letzte Schritt vor der vollständigen Inbetriebnahme. Sie ist notwendig, um ein bestimmtes Druckniveau in der Leitung zu erreichen. In den vorangegangenen Wochen wurde der erste Leitungsstrang druckgeprüft, entwässert und getrocknet sowie anschließend mit Stickstoff gefüllt, um den Sauerstoff aus der Pipeline zu entfernen. Sobald alle vorbereitenden Arbeiten an den Anlandungsbereichen in Lubmin bei Greifswald und im nordrussischen Wyborg abgeschlossen sind, soll im Oktober 2011 das erste Erdgas durch die 1.220 Kilometer lange Unterwasserleitung fließen. Ab dann werden plangemäß jährlich 27,5 Milliarden Kubikmeter russisches Gas an Verbraucher in Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden fließen. Der zweite Leitungsstrang mit gleicher Kapazität soll im Herbst 2012 fertig werden. Insgesamt können dann 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr nach Europa transportiert werden.

Für Russland ist die Ostseepipeline ein wichtiger Schritt, um sich vom Transitland Ukraine unabhängiger zu machen, mit dem es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Streit über dieses Thema gekommen war. Versuche, sich am ukrainischen Gasleitungssystem zu beteiligen, und damit auch zu dessen Modernisierung beizutragen, blieben erfolglos. Auch zurzeit verhandeln beide Länder wieder um den Preis, den die Ukraine für russisches Gas bezahlen soll, und welche Gebühr sie für den Transit verlangt. Premierminister Putin sagte in Portowaja, dass die Ukraine jetzt ihre exklusive Stellung als Transitland verliere und die bilateralen Beziehungen mit der Inbetriebnahme von Nord Stream einen „zivilisierteren Charakter“ annehmen werden. In Kiew sagte der ukrainischen Energieminister Juri Boiko kurz darauf: „Unter Berücksichtigung der Vergrößerung des Gasverbrauchs in Europa rechnen wir damit, dass sich das Transitvolumen nur unwesentlich verringern wird.“

Aus den Berichtszahlen von Ukrtransgas, dem für Transit zuständigen Tochterunternehmen des ukrainischen Energiekonzerns Naftogas, geht hervor, dass im vergangenen Jahr 95,4 Milliarden Kubikmeter russisches Gas durch die Ukraine nach Europa geflossen sind. Von Januar bis August dieses Jahres summierte sich das Volumen schon auf 70 Milliarden Kubikmeter – ein Plus von 13,8 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Selbst wenn Nord Stream also auf voller Kraft läuft, wird Russland weiter auf die Ukraine angewiesen sein, wenngleich im geringeren Maße.

Gazprom arbeitet demnach mit Hochdruck daran, South Stream, sein zweites großes Gaspipelineprojekt, voranzutreiben. Über die Gaspipeline South Stream zwischen Russland und Italien soll Südeuropa mit Erdgas versorgt werden. Die ersten Lieferungen sind für 2015 geplant. In der vergangenen Woche konnte der russische Gasmonopolist zwei neue europäische Partner verbindlich ins Boot holen. Die BASF-Tochter Wintershall und die französische Électricité de France (EdF) werden jeweils 15 Prozent der Anteile übernehmen. Das entsprechende Abkommen wollen die South-Stream-Aktionäre am Mitte September in Sotschi unterzeichnen. Dafür werde der italienische Gesellschafter Eni seinen Anteil um 30 Prozentpunkte auf 20 Prozent reduzieren. Gazprom kontrolliert weiterhin 50 Prozent am Projekt. awa